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Chapter 2 No.2
Auf dem Südbahnhof. Eine Wirrnis sportlich vermummter Jugend, die auf den Semmering f?hrt. Der Winter ist jetzt Mode worden. Oder wenigstens das Winterkleid. Vergleicht man Wiener mit Berlinern oder gar Engl?ndern, die zum Rodeln gerüstet sind, so zeigt es sich, da? diese nur nach dem Zweckm??igen, nach dem Sachlichen trachten und ihren Stolz darin haben, sachverst?ndig auszusehen, w?hrend der Wiener ein Kostüm will, das malerisch wirken soll; mit allem, was er treibt, treibt er sein Spiel. Ist es gar noch ein jüdischer Wiener, so tr?gt er die Skier wie Orden, bis zu Tr?nen gerührt, zu den Sportf?higen zu geh?ren, als ob es eine der jüdischen Nation verliehene Auszeichnung w?re, eine Ann?herung an den Baron; dafür will er gern die rauhe Hand des Winters leiden.
Im Kupee. Warum kauft sich der reisende Mensch acht Zeitungen? Er k?nnte für denselben Preis bei Reclam Goethes Briefwechsel mit Zelter haben. Warum liest er lieber achtmal dieselben Nachrichten? Es scheint ihm ein Lesen erwünscht, das blo? mit den Augen geschieht, das Hirn aber freil??t, das also den Geist gleichsam blo? hinzuhalten, damit er Ruhe gibt, und die Gedanken von ihm abzuhalten hat. Vielleicht geschieht es aber auch nur deshalb, weil er die Zeitungen auf der Bahn kriegt, und den Zelter nicht. An den Zeitungen verdient der H?ndler, mit dem Zelter nicht. Warum findet sich niemand, der, um der Volksbildung willen, von der man so viel spricht, in den Stationen den Reclam und die gelben Kosmosbücheln auslegt? Weil es allen diesen Leuten immer nur darum zu tun ist, von den Dingen und über die Dinge zu sprechen, keinem aber, sie zu tun.
Da erscheint, hoch oben im Schnee, die Kirche von Maria-Schutz. In solcher Sch?nheit steht sie leuchtend dort, da? mir ist, als h?tte ich sie so noch nie gesehen! Ich mu? aber lachen, denn ich erinnere mich, da? mir noch jedesmal immer wieder ist, als h?tte ich sie so noch nie gesehen. Seltsam: wir haben kein Ged?chtnis für Eindrücke, wir bewahren sie nicht wirklich auf. Wir t?uschen uns, wenn wir uns zu erinnern glauben. Wir erinnern uns nur, da? einmal ein Erlebnis da war. Es selbst aber verl??t uns. Kommt es wieder, so k?nnen wir es kaum erkennen. Immer ist es wieder wie zum erstenmal. Immer wieder, wenn im Fidelio im zweiten Akt die H?rner rufen und ihr Licht den schwarzen Kerker sprengt, wenn ich den Wilhelm Meister lese, wenn Kainz spricht, wenn der Mildenburg schmerzensreiche Stimme t?nt, wenn ich einen Klimt sehe, wenn ich wieder vom Semmeringer blauen Haus in Fichten die Rax erblicke, wenn ich wieder über San Giacomo auf der wei?en Stra?e mit den Agaven bin, ist mir immer wieder: Nein, ich hab's ja noch nie gewu?t, jetzt ist es zum erstenmal, jetzt wei? ich es erst und kann's nie mehr vergessen! Und so glaubt man es jetzt erst zu haben und jetzt bei sich zu halten, für alle Zeit, und glaubt, da? es nun nie mehr vergehen kann, und doch vergeht es wieder und verlischt, und es ist nur ein grauer Schatten, der davon in der Seele kauern bleibt.
Triest. Ein prachtvolles Automobil bringt den Gast in ein elendes Hotel. Triest hat n?mlich noch immer kein Hotel, das halbwegs den Gewohnheiten eines Europ?ers entsprechen k?nnte. Wien ja schlie?lich auch nicht. Die Wiener sind sehr b?s, wenn man sagt, da? sie kein Hotel und kein Fuhrwerk haben. Sie finden es unpatriotisch, das zu sagen. Ich finde es unpatriotisch, keins zu haben. Ich fragte neulich einen: Also wo habt ihr denn ein Hotel wie das Adlon in Berlin, wo denn? Er antwortete mir, zornig: Aufgewachsen sind Sie im Adlon! Ich erwiderte: Nein, es handelt sich aber auch nicht um mich, sondern um die Fremden, die sind es nun einmal gewohnt, europ?isch zu wohnen, und da sie das in Wien nicht k?nnen, reisen sie wieder ab. Er sagte: Sollen die Fremden zuerst kommen, dann wird man ja sehen. Ich sagte: Die Fremden wollen aber zuerst sehen, dann werden sie kommen. – Es ist immer derselbe Streit. Der Fremde soll es sich erst durch Flei? und Ausdauer verdienen, dann wird man ihn belohnen. Wien ist darin der richtige Vorort von Istrien und Dalmatien. – Das sind so ?sterreichische Sachen, die niemand erkl?ren kann. Warum gibt es europ?ische Hotels in Karlsbad, in Franzensbad, in Marienbad, in Salzburg und überall in Tirol? Und warum gibt es keine in Wien, in Triest, in Pola, in Fiume und in Dalmatien? Man k?nnte doch einfach die Herren Pupp, Jung und Christomanos von Staatswegen in die anderen Provinzen importieren.
Merkwürdig ist Triest. Die sch?nste Landschaft. Sch?ner als Neapel. Aber gar keine Stadt. Man hat das Gefühl, hier überhaupt nirgends zu sein. Es kommt einem vor, als bewege man sich im Wesenlosen. Hier hat sich n?mlich der Staat das Problem gestellt, einer Stadt ihren Charakter vorzuenthalten. Natürlich geht das nicht, es ist doch eine italienische Stadt. Aber sie darf nicht. Daher der Unwille, den man überall an ihr spürt. Es ist eine Stadt, die eine unwillige Existenz führt. Was sie ist, soll sie nicht sein, und gegen den Schein, zu dem man sie zwingt, wehrt sie sich. Nun st??t sich aber der Staat damit selbst vor den Kopf. Er braucht die Stadt. Er braucht sie stark und gro?. Doch Kraft und Gr??e lassen sich nicht verordnen. Der Staat tut alles, um die Stadt zu verkrüppeln, und wundert sich dann, wenn sie nicht w?chst. Auf jede Forderung der Stadt antwortet er: Werdet zuerst Patrioten, dann wird man etwas für euch tun! W?hrend sich die Leute natürlich denken; Tut erst etwas, wofür es sich lohnt Patrioten zu sein! Es ist genau dieselbe Geschichte wie mit den Wiener Hotels und den Fremden.
Bei Zara.
Der Staat fragt die Triestiner in einem fort: Warum seid ihr nicht patriotisch? Und die Triestiner fragen in einem fort: Warum sollten wir patriotisch sein? Es wei? n?mlich bei uns niemand, was ein Patriot ist. Ein Patriot ist, wer sich unter einer Regierung so wohl fühlt, da? er sie durchaus mit keiner anderen vertauschen m?chte, aus Angst, dabei zu verlieren. Weshalb auch eigentlich tief in jedem Menschen der Wunsch ruht, ein Patriot sein zu k?nnen. Dies nicht zu bemerken ist das System der ?sterreichischen Verwaltung. Es war schon immer so, auch als wir noch Oberitalien hatten. Es hat sich nicht ge?ndert. Der Staat traut den Triestinern nicht, die Triestiner trauen dem Staat nicht. Daraus hat sich mit der Zeit das sch?ne Verh?ltnis ergeben, da? die beiden, der Staat und Triest, sozusagen nicht mehr miteinander verkehren. Macht aus dieser Stadt, was sie sein k?nnte, eine starke und reiche und gro?e Stadt, st?rker und reicher und gr??er als Venedig, und die n?chste Generation wird sagen: Wir w?ren ja Narren, zu tauschen! Und warum soll sie nicht italienisch sein? Ihr k?nnt euch ja gar nichts besseres wünschen als eine italienische Stadt, die sich in ?sterreich wohl fühlt!
Nun sagt jeder Triestiner, wer es auch sei: Wir müssen die italienische Universit?t kriegen! Und jeder vernünftige Mensch in ?sterreich sagt: Die italienische Universit?t mu? nach Triest! Alle sind einig. Darum geschieht es nicht. Denn wenn in ?sterreich alle einig sind, glaubt man, da? etwas dahinter stecken mu?. Und wenn in ?sterreich jemand etwas will, glaubt man, da? er eigentlich etwas anderes will; oder doch aus anderen Gründen, als er sagt. Die Regierung kann sich nicht denken, da? es in ?sterreich anst?ndige Menschen gibt.
Die Italiener wollen eine italienische Universit?t, um ihre S?hne auszubilden, und sie wollen sie in Triest, weil sie Triest nahe haben und weil ihre S?hne in fremden St?dten unglücklich sind. Nein, sagt die Regierung: sie wollen sie, um Irredentisten zu züchten! Worauf zu antworten w?re: Irredentisten züchtet ihr, ihr, weil jeder ?sterreichische Italiener ein Irredentist sein wird, so lange er sich in ?sterreich fremd fühlt, und weil jeder sich in ?sterreich fremd fühlen mu?, so lange man ihm mi?traut! Die Heimat eines Menschen ist dort, wo er sich bei sich zu Hause fühlt. Sorgt dafür! Und ferner: Eine bessere Zucht von Irredentisten als in Wien gibt es gar nicht. In Wien fühlt sich der italienische Student fremd, er versteht die Sprache nicht, er ist von Feindschaft umgeben, niemand nimmt sich seiner an, Heimweh qu?lt ihn, so sitzt er den ganzen Tag mit den anderen im Café beisammen, um nur doch seine Sprache zu h?ren, und wenn unter diesen nun ein einziger ist, den die Not oder die Sehnsucht zum Irredentisten macht, so sind es nach einem Monat alle; seelische Kontagion nennt man das. Und endlich: Ihr treibt jeden Italiener aus ?sterreich hinaus, dem ihr die Wahl stellt, ein Italiener oder ein ?sterreicher zu sein! Es mu? ihm m?glich werden, als Italiener ein ?sterreicher zu sein. Wie denn unser ganzes ?sterreichisches Problem dies ist, da? es uns m?glich werden mu?, ?sterreicher deutscher oder slawischer oder italienischer Nation zu sein.
Chapter list
12 chapters total
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