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Die Last
Die Last
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Chapter 2 No.2

Als Wilms auf den Hof heraustrat, atmete er tief auf. Hier wehte doch frische Luft, hier beengte ihn die Hitze der Krankenstube nicht mehr, und erfrischend rieselte der Regen auf sein entbl??tes Haupt.

Merkwürdig. – Er hatte doch schon so oft mitten auf seinem Geh?ft gestanden, aber heute befiel ihn zum erstenmal der Gedanke, da? all sein Hab, H?user und Scheunen, St?lle und Ger?tschaften, Menschen und Vieh wie von einem drückenden Traum befangen w?ren.

Es zerfiel und zerbr?ckelte alles, es wurde morsch und verging. – Und er selbst?

Erschreckt fuhr er auf.

Drüben in dem Strohdach der Kornscheuer klaffte eine betr?chtliche Spalte. Ungehindert flo? der Regen hindurch und machte ihm die Wintersaat faulen. Keiner meldete ihm den Schaden, er selbst hatte ihn nicht bemerkt.

Früher war er als der werkt?tigste Landwirt Vorpommerns bekannt gewesen; er allein wu?te, wie durch Zauber, dem fetten Boden dreifach die goldigen, Nahrung bringenden K?rner abzugewinnen; jetzt stand es anders. – Es ging bergab mit ihm.

Ein Lastwagen lag in einer Ecke des Hofes auf drei R?dern. Das vierte gebrochen daneben. – Ob man nach dem Stellmacher geschickt hatte?

Gerade schlich ein Knecht hinter dem Gef?hrt tr?ge dahin, Wilms rief ihn laut an; aber der Mann wu?te von nichts, und schon wollte ihn der Landwirt mit einem kr?ftigen Fluch zurechtweisen, da dachte er an die Kranke, und beinahe flüsternd befahl er dem Manne, den Stellmacher zu holen.

Der Knecht trottete davon, und Wilms setzte seine grobe Mütze auf und schritt schwerf?llig die Landstra?e entlang. Zu beiden Seiten dehnten sich seine Felder.

Auf das braunschollige Ackerland rauschte h?rbar der Regen, und nur allm?hlich vermochte der Landwirt seine Leute zu erkennen, so dicht wogte der schwere Nebel um sie herum. Grau und gespenstig tauchten M?nner und Frauen aus den Wolken hervor, und verschwanden bald wieder, als h?tte sie der Boden eingesogen.

?Wie steht's mit den Kartoffeln, Karl?? fragte Wilms endlich einen jungen, flachsk?pfigen Burschen, der tiefgebückt die gesammelten Knollen in einen Korb warf.

?Der Herr wei? ja – der Regen – es dauert schon zu lang.?

?Ja, ja? – Wilms ballte die F?uste, und in sein ernstes, ehrliches Antlitz gruben sich tiefe Falten. Wie er sich jetzt langsam und ermüdet auf einen eisernen Pflug niederlie?, der auf dem kotigen Acker herumlag, da h?tte man ihn für einen alten, gebrochenen Mann halten k?nnen. Und er z?hlte doch erst zweiunddrei?ig Jahre und stand in der Blüte der Kraft.

Und die Nebel krochen um ihn herum, formten sich, ballten sich, und es war, als ob sie ein h??liches, graues Weib bildeten, zahnlos, mit wackelndem Kopf – eine dürre Vettel, wohlbekannt allen Bedrückten – die Not, die grinsende Not, und sie hinkte auf ihn zu und streichelte ihn.

Er sank immer tiefer in sich zusammen und lie? seine Leute schaffen, was sie wollten.

Da klang Wagengerassel die Landstra?e herab. Ein elendes, ?chzendes Gef?hrt n?herte sich, und herab stieg ein wohlbeleibter Mann mit grauem Stoppelbart, und in den Stoppeln sa? ein sehr rotes, verschwollenes Gesicht, aus dem ein Paar w?sserige ?uglein und eine Hakennase lustig hervorlugten. Der Ank?mmling hie? ?Herr Rosenblüt?, klimperte im Augenblick mit einer dicken goldenen Kette und war der Kompagnon einer in dem Landst?dtchen Grimmen sehr angesehenen Viehexportfirma. – Ein gesetzter, umg?nglicher Mann.

Heute zeigte sich der Viehh?ndler indes sehr aufgeregt. Er schritt gleich auf den Landmann zu und pflanzte sich prustend und atemholend vor ihm auf.

?Herr Wilms,? begann er unvermittelt und fuchtelte mit seinem Stock hin und her. ?Was soll das hei?en? – Was ist denn geschehen – bei Ihnen zu Haus? Als ich vorbeigefahren bin ...?

?Doch nicht meine Frau?? stammelte Wilms und sprang auf – ?nicht wahr? – So sagen Sie's doch,? wiederholte der unglückliche Mann heiser.

?Nein, nein, nicht Ihre Frau – ich meine blo? – – es ist da einer von den Blauen, von den Gerichtsvollziehern. Na kommen Sie schnell auf meinen Wagen? – und leise setzte er hinzu: ?Was wollen Sie erst einen Aufstand vor Ihren Leuten machen? Beeilen Sie sich, Herr Wilms.? Bald knarrte und ?chzte das Fuhrwerk auf Wilms' Geh?ft zu, und Herr Rosenblüt sa? neben dem Besitzer und starrte ihm ?ngstlich ins Gesicht, bis sie den Wirtschaftshof erreicht hatten.

Hier hielt der Wagen, und der Bauer sprang herab und blickte sich scheu um.

Mitten auf dem Platze stand der Gerichtsvollzieher von Grimmen und unterhandelte laut und barsch mit Jochen, dem Pferdeknecht, der von Zeit zu Zeit einen ?ngstlichen Blick auf die Fenster der Krankenstube warf und den Beamten zu bitten schien, leiser zu verfahren.

Alle Leute des Anwesens waren an diese Rücksicht auf die leidende Frau gew?hnt; ein lautes Wort, mitten in der dumpfen Stille, war unerh?rt, erschreckte alle f?rmlich.

?Da is uns' Herr,? sagte der Knecht endlich erleichtert, als er des Bauern und seines Begleiters ansichtig wurde. Wilms kam schwerf?llig n?her, seine Gestalt sank immer mehr zusammen, als ob auf seinem Nacken sichtbarlich eine allzu schwere Last gelegt sei, und auf der Stirn perlten gro?e Tropfen. Mit flüsternder, heiserer Stimme bat er den Beamten, mit ihm in die n?chste Scheuer zu kommen. – Nur nicht hier – hier k?nnte man die Kranke st?ren, sie dürfte ja von nichts wissen; das k?nnte ihr den Rest geben. ?Ich bitt' Sie, kommen Sie mit mir – ein paar Schritte.?

Jedoch der Gerichtsvollzieher hielt das für überflüssige Zeitvergeudung. Er kn?pfte seinen Rock auf, nahm ein gestempeltes Papier heraus, das er prüfend überflog, und w?hrend er sich dazu wohlgef?llig und amtswürdig seinen milit?rischen Schnurrbart strich, las er trocken vor: ?Beauftragt vom Grafen Brachwitz auf Boltenhagen – Zahlung der rückst?ndigen Pacht vom 1. April – 3600 Mark – – nicht eingegangen – hm – vorzunehmende Zwangspf?ndung.?

?Was? Vom April sind Sie dem Grafen noch schuldig?? warf der Viehh?ndler dazwischen.

Der Gerichtsvollzieher faltete das Blatt wieder zusammen und pflanzte sich vor dem Besitzer auf:

?K?nnen Sie zahlen, Herr Wilms?? fragte er prompt.

?Nein.?

?Na, dann mu? ich anfangen. Nehmen Sie's nicht übel.?

?Aber – wenn Sie mir nur – nur bis morgen Zeit lassen wollten,? st?hnte Wilms und legte sich die Hand vor die Stirn. ?Nur bis morgen – ich k?nnte mich ja noch an jemanden wenden. – Ich hatte in der letzten Zeit mit meiner Frau so viel – aber es ist doch vielleicht noch m?glich.?

?Tut mir leid – strenge Ordre.? Der Gerichtsvollzieher kn?pfte dabei seinen Rock zu und wandte sich an den Knecht.

?Wollen gleich mit dem Vieh anfangen,? befahl er kurz. ?Wo haben Sie die Schweine??

?Dann zeig dem Herrn, Jochen.? Wilms hatte es tonlos gesprochen und wandte sich jetzt schnell ab. Selbst dem Viehh?ndler hatte er nicht mehr die Hand zum Abschiede gereicht. Er ging langsam in das Wohnhaus und trat in das Zimmer seines Weibes.

* * *

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  1. Chapter 1Chapter 1 No.1
  2. Chapter 2Chapter 2 No.2
  3. Chapter 3Chapter 3 No.3

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