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Chapter 2 No.2

Um von der Liebe zu reden, - darin bin ich zeitlebens ein Knabe geblieben. Für mich ist die Liebe zu Frauen immer ein reinigendes Anbeten gewesen, eine steile Flamme meiner Trübe entlodert, Beterh?nde zu blauen Himmeln emporgestreckt. Von der Mutter her und auch aus eigenem, undeutlichem Gefühl verehrte ich die Frauen insgesamt als ein fremdes, sch?nes und r?tselhaftes Geschlecht, das uns durch eine angeborene Sch?nheit und Einheitlichkeit des Wesens überlegen ist und das wir heilig halten müssen, weil es gleich Sternen und blauen Bergh?hen uns ferne ist und Gott n?her zu sein scheint. Da das rauhe Leben seinen reichlichen Senf dazu gab, hat die Frauenliebe mir soviel Bitteres als Sü?es eingebracht; zwar blieben die Frauen auf dem hohen Sockel stehen, mir aber verwandelte sich die feierliche Rolle des anbetenden Priesters allzuleicht in die peinlich-komische des genarrten Narren.

R?si Girtanner begegnete mir fast jeden Tag, wenn ich zu Tische ging. Eine Jungfer von siebzehn Jahren, fest und biegsam gewachsen. Aus dem schmalen, br?unlich frischen Gesicht sprach die stille beseelte Sch?nheit, welche ihre Mutter zur Stunde noch besa? und welche vor ihr Ahne und Urahne gehabt hatte. Aus diesem alten, vornehmen und gesegneten Haus war von Geschlecht zu Geschlecht eine gro?e, schmucke Reihe von Frauen ausgegangen, jede still und vornehm, jede frisch, adlig und von fehlerloser Sch?nheit. Es gibt von einem unbekannten Meister ein M?dchenbildnis aus der Familie der Fugger, im sechzehnten Jahrhundert gemalt und eines der k?stlichsten Bilder, die meine Augen gesehen haben. So ?hnlich waren die Girtannerschen Frauen und so war auch R?si.

Das alles wu?te ich damals freilich nicht. Ich sah sie nur in ihrer stillen, heiteren Würde schreiten und fühlte das Adelige ihres schlichten Wesens. Dann sa? ich Abends nachsinnend in der D?mmerung, bis es mir gelang, ihre Erscheinung mir klar und gegenw?rtig vorzustellen, und dann lief ein sü?es heimliches Grausen über meine knabenhafte Seele. In B?lde kam es aber, da? diese Augenblicke der Lust sich trübten und mir bittere Schmerzen machten. Ich empfand pl?tzlich, wie fremd sie mir sei, mich nicht kenne noch mir nachfrage, und da? mein sch?nes Traumbild ein Diebstahl an ihrem seligen Wesen sei. Und eben wenn ich das so scharf und peinigend fühlte, sah ich ihr Bild immer für Augenblicke so wahr und atmend lebendig vor Augen, da? eine dunkle, warme Woge mein Herz überflutete und mir bis in die fernsten Pulse seltsam wehe tat.

Bei Tage geschah es mitten in einer Lehrstunde oder mitten in einem heftigen Raufen, da? die Woge wiederkam. Dann schlo? ich die Augen, lie? die H?nde sinken und fühlte mich in einen lauen Abgrund gleiten, bis mich der Aufruf des Lehrers oder der Faustschlag eines Kameraden erweckte. Ich entzog mich, lief ins Freie und staunte mit wunderlicher Tr?umerei in die Welt. Nun sah ich pl?tzlich, wie sch?n und farbig alles war, wie Licht und Atem durch alle Dinge flo?, wie klargrün der Flu? und wie rot die D?cher und wie blau die Berge waren. Diese mich umgebende Sch?nheit zerstreute mich aber nicht, sondern ich geno? sie still und traurig. Je sch?ner alles war, desto fremder schien es mir, der ich keinen Teil daran hatte und au?erhalb stand. Darüber fanden meine dumpfen Gedanken den Weg zu R?si zurück: Wenn ich in dieser Stunde stürbe, sie würde es nicht wissen, nicht danach fragen, nicht darüber betrübt sein!

Dennoch verlangte mich nicht danach von ihr bemerkt zu werden. Ich h?tte gern etwas Unerh?rtes für sie getan oder ihr geschenkt, ohne da? sie gewu?t h?tte von wem es kam.

Und ich tat auch vieles für sie. Es kam eben eine kurze Ferienzeit und ich ward nach Hause geschickt. Dort leistete ich t?glich allerlei Kraftstücke, alles in meiner Meinung R?si zu Ehren. Einen schwierigen Gipfel erstieg ich von der steilsten Seite. Auf dem See machte ich übertriebene Fahrten im Weidling, gro?e Entfernungen in knapper Zeit. Nach einer solchen Fahrt, da ich ausgebrannt und verhungert zurück kam, fiel mir ein, bis zum Abend ohne Speise und Trank zu bleiben. Alles für R?si Girtanner. Ich trug ihren Namen und Lobpreis auf entlegene Grate und in nie besuchte Klüfte.

Zugleich bü?te dabei meine in der Schulstube verhockte Jugend ihre Lust. Die Schultern gingen mir m?chtig auseinander, Gesicht und Nacken ward braun und überall dehnten sich und schwollen die Muskeln.

Am vorletzten Ferientag brachte ich meiner Liebe ein mühseliges Blumenopfer. Zwar wu?te ich an mehreren verlockenden H?ngen auf schmalen Erdb?ndern Edelwei? stehen, aber diese duft- und farblose, krankhafte Silberblüte war mit stets seelenlos und wenig sch?n erschienen. Dafür kannte ich ein paar vereinsamte Alpenrosenbüsche, in die Furche einer kühnen Fluh verweht, sp?tblühend und verlockend schwer zu erreichen. Nun, es mu?te gehen. Und da denn der Jugend und Liebe nichts unm?glich ist, gelangte ich mit zerschundenen H?nden und krampfigen Schenkeln schlie?lich zum Ziel. Juchezen konnte ich in meiner bangen Lage nicht, aber das Herz jodelte und l?rmte mir vor Lust, als ich vorsichtig die z?hen Zweige durchschnitt und die Beute in den H?nden hielt. Zurück mu?te ich, die Blumen im Mund, rücklings klettern und Gott allein wei?, wie ich frecher Knabe heil den Fu? der Wand erreichte. Am ganzen Berg war die Blüte der Alpenrosen lang vorüber, ich hatte die letzten Zweige des Jahres knospend und zarterblühend in der Hand.

Andern Tags hielt ich die Blumen w?hrend der ganzen fünfstündigen Reise in den H?nden. Anfangs schlug das Herz mir m?chtig der Stadt der sch?nen R?si entgegen; je ferner aber das Hochgebirge ward, desto st?rker zog die eingeborene Liebe mich zurück. Ich erinnere mich so gut an jene Eisenbahnfahrt! Der Sennalpstock war schon lange unsichtbar, nun sanken aber auch die zackigen Vorberge einer um den andern hinab und jeder l?ste sich mit feinem Wehgefühl von meinem Herzen. Nun waren alle heimischen Berge versunken und eine breite, niedere, hellgrüne Landschaft dr?ngte sich hervor. Das hatte mich bei meiner ersten Reise gar nicht berührt. Diesmal aber ergriff mich Unruhe, Angst und Trauer, als w?re ich verurteilt weiter in immer flachere L?nder hinein zu fahren und die Berge und das Bürgerrecht der Heimat unwiderbringlich zu verlieren. Zugleich sah ich immer das sch?ne, schmale Gesicht der R?si vor mir stehen, so fein und fremd und kühl und meiner unbekümmert, da? mir Erbitterung und Schmerz den Atem verhielt. Vor den Fenstern glitten hintereinander die frohen, sauberen Ortschaften mit schlanken Türmen und wei?en Giebeln vorüber und Menschen stiegen aus und ein, redeten, grü?ten, lachten, rauchten und machten Witze, - lauter fr?hliche Unterl?nder, gewandte, freimütige und polierte Leute, und ich schwerer Bursch vom Oberland sa? stumm und traurig und verbissen damitten. Ich fühlte, da? ich nicht mehr heimisch war. Ich empfand, da? ich den Bergen für immer entrissen war und doch nie werden würde wie ein Unterl?nder, nie so froh, so gewandt, so glatt und sicher. So einer wie diese würde sich immer über mich lustig machen, so einer würde die Girtanner einmal heiraten und so einer würde mir immer im Weg und um einen Schritt voraus sein.

Solche Gedanken brachte ich mit zur Stadt. Dort stieg ich nach der ersten Begrü?ung auf den Dachboden, ?ffnete meine Kiste und entnahm ihr einen gro?en Bogen Papier. Es war nicht vom feinsten und als ich meine Alpenrosen darein gewickelt und das Paket mit einem extra von Hause mitgebrachten Bindfaden verschnürt hatte, sah es gar nicht wie eine Liebesgabe aus. Ernsthaft trug ich es in die Stra?e, wo der Advokat Girtanner wohnte, und im ersten günstigen Augenblick trat ich durchs offene Tor, sah mich in der abendlich halblichten Hausflur ein wenig um und legte mein unf?rmliches Bündel auf der breiten, herrschaftlichen Treppe ab.

Niemand sah mich und ich erfuhr nie, ob R?si meinen Gru? zu sehen bekommen habe. Aber ich war an Flühen geklettert und hatte mein Leben gewagt, um einen Zweig Rosen auf die Treppe ihres Hauses zu legen, und darin lag etwas Sü?es, Traurigfrohes, Poetisches, das mir wohltat und das ich noch heut empfinde. Nur in gottlosen Stunden scheint es mir zuweilen, als sei jenes Rosenabenteuer so gut wie alle meine sp?teren Liebesgeschichten eine Donquichotterie gewesen.

Diese meine erste Liebe fand nie einen Abschlu?, sondern verklang fragend und unerl?st in meine Jugendjahre und lief neben meinen sp?teren Verliebtheiten wie eine stille ?ltere Schwester mit. Immer noch kann ich mir nichts nobleres, reineres und sch?neres vorstellen als jene junge, wohlgeborene und stillblickende Patrizierin. Und als ich manche Jahre sp?ter auf einer historischen Ausstellung in München jenes namenlose, r?tselhaft liebliche Bildnis der Fuggertochter sah, erschien mir, es stehe meine ganze schw?rmerische, traurige Jugend vor mir und schaue mich aus unergründlichen Augen tief und verloren an.

Indessen h?utete ich mich langsam und bed?chtig und ward allm?hlich vollends zum Jüngling. Meine damals angefertigte Photographie zeigt einen knochigen, hochgewachsenen Bauernbuben in schlechten Schülerkleidern, mit etwas matten Augen und unfertigen, lümmelhaften Gliedma?en. Nur der Kopf hat etwas Frühfertiges und Festes. Mit einer Art von Erstaunen sah ich mich die Manieren der Knabenzeit ablegen und erwartete mit dunkler Vorfreude die Studentenzeit.

Ich sollte in Zürich studieren und für den Fall besonderer Leistungen hatten meine G?nner die M?glichkeit einer Studienreise erw?hnt. All das erschien mir wie ein sch?nes, klassisches Bild: Eine ernst freundliche Laube mit den Büsten Homers und Platos, ich darin sitzend über Folianten gebückt, und auf allen Seiten ein weiter, klarer Blick auf Stadt, See, Berge und sch?ne Fernen. Mein Wesen war nüchterner und doch schwungvoller geworden und ich freute mich des zukünftigen Glückes mit der festen Zuversicht seiner würdig befunden zu werden.

Im letzten Schuljahr fesselte mich das Studium des Italienischen und die erste Bekanntschaft mit den alten Novellisten, deren gründlicheres Kennenlernen ich mir als erste Liebhaberarbeit für die Zürcher Semester vorbehielt. Dann kam der Tag, da ich meinen Lehrern und dem Hausvater Adieu sagte, meine kleine Kiste packte und vernagelte und mit wohliger Wehmut abschiednehmend um das Haus der R?si strich.

Die Ferienzeit, die nun folgte, gab mir einen bitteren Vorschmack vom Leben und zerri? mir die sch?nen Traumflügel schnell und rauh. Zun?chst fand ich die Mutter krank. Sie lag zu Bett, redete fast gar nichts und machte auch von meinem Kommen kein Aufhebens. Wehleidig war ich nicht, aber es schmerzte mich doch, meiner Freude und meinem jungen Stolz gar kein Echo zu finden. Alsdann erkl?rte mir mein Vater, da? er zwar nichts dagegen habe, wenn ich nun studieren wolle, da? er aber nicht verm?ge mir Geld dazu zu geben. Wenn das kleine Stipendium nicht reiche, müsse ich eben sehen mir das N?tige zu verdienen. In meinem Alter habe er schon l?ngst eigenes Brot gegessen u. s. w.

Auch mit Wandern, Rudern und Bergsteigen war es diesmal nicht viel, denn ich mu?te in Haus und Feld mitarbeiten und an den freien halben Tagen hatte ich zu nichts Lust, nicht einmal zum Lesen. Es emp?rte und ermüdete mich zu sehen, wie das gemeine t?gliche Leben breitm?ulig sein Recht forderte und alles fra?, was ich von überflu? und übermut mitgebracht hatte. übrigens war mein Vater, als er die Geldfrage einmal vom Herzen hatte, nach seiner Art zwar rauh und kurz, aber nicht unfreundlich gegen mich, doch hatte ich keine Freude daran. Auch da? meine Schulbildung und meine Bücher ihm einen stillen, halbver?chtlichen Respekt einfl??ten, st?rte mich und tat mir leid. Und dann dachte ich auch oft an R?si und hatte wieder das b?se, rechthaberische Gefühl meines bauernhaften Unverm?gens, je in der ?Welt" einen sicheren und beweglichen Mann abzugeben. Ich besann mich sogar tagelang, ob es nicht besser sei dazubleiben und mein Latein und meine Hoffnungen im z?hen, trüben Zwang des armseligen heimischen Lebens zu vergessen. Gequ?lt und verdrossen ging ich umher und fand auch am Bett der kranken Mutter nicht Trost noch Ruhe. Das Bild jener Traumlaube mit der Homerbüste erschien h?hnisch wieder und ich zerst?rte es und go? allen Grimm und alle Feindseligkeit meines zerplagten Wesens darüber. Die Wochen wurden unausstehlich lang, als sollte ich an diese hoffnungslose Zeit des ?rgers und Zwiespalts meine ganze Jugend verlieren.

War ich erstaunt und emp?rt gewesen, das Leben meine glückliche Tr?umerei so rasch und gründlich zerst?ren zu sehen, so kam ich nun in die Lage zu erstaunen, wie pl?tzlich und m?chtig auch der jetzigen Qu?lerei ein überwinder erwuchs. Das Leben hatte mir seine graue Werktagsseite gezeigt, nun trat es pl?tzlich mit seinen ewigen Tiefen vor mein befangenes Auge und belud meine Jugend mit einer schlichten, m?chtigen Erfahrung.

Früh am Morgen eines hei?en Sommertags litt ich im Bette Durst und stand auf, um in die Küche zu gehen, wo stets eine Kufe frischen Wassers stand. Dabei mu?te ich durchs Schlafzimmer der Eltern gehen, wo mir das sonderbare St?hnen der Mutter auffiel. Ich trat an ihr Bett, doch sah sie mich nicht und gab keine Antwort, sondern st?hnte trocken und angstvoll vor sich hin, zuckte mit den Lidern und war bl?ulich bla? im Gesicht. Dies erschreckte mich nicht sonderlich, obwohl mir etwas ?ngstlich wurde. Aber dann sah ich ihre beiden H?nde auf den Laken liegen, still und wie schlafende Geschwister. An diesen H?nden sah ich, da? meine Mutter im Sterben lag, denn sie waren schon so seltsam todmüde und willenlos, wie sie kein Lebender hat. Ich verga? meinen Durst, kniete neben dem Lager nieder, legte der Kranken die Hand auf die Stirn und suchte ihren Blick. Da er mich traf, war er gut und ohne Qual, aber nahe am Erl?schen. Es fiel mir nicht ein, da? ich den Vater wecken müsse, der nebenan mit hartem Atmen schlief. So kniete ich denn nahezu zwei Stunden und sah meine Mutter den Tod erleiden. Sie litt ihn stille, ernst und tapfer, wie es ihrer Art zukam, und hat mir ein gutes Vorbild gegeben.

Das Stüblein war stille und füllte sich langsam mit der Helle des heraufsteigenden Morgens; Haus und Dorf lag schlafend und ich hatte Mu?e, in Gedanken die Seele eines Sterbenden zu begleiten, über Haus und Dorf und See und Schneegipfel hinweg in die kühle Freiheit eines reinen Frühmorgenhimmels hinein. Schmerz fühlte ich wenig, denn ich war voll Staunen und Ehrfurcht zusehen zu dürfen, wie ein gro?es R?tsel sich l?ste und wie der Ring eines Lebens sich mit leisem Erzittern schlo?. Auch war die klaglose Tapferkeit der Scheidenden so erhaben, da? von ihrer herben Glorie ein kühlend klarer Strahl auch in meine Seele fiel. Da? der Vater daneben schlief, da? kein Priester da war, da? weder Sakrament noch Gebet die heimkehrende Seele heiligend begleitete, empfand ich nicht. Ich spürte nur einen schauernden Hauch der Ewigkeit durch die d?mmernde Stube fluten und sich mit meinem Wesen vermischen.

Im letzten Augenblick, die Augen waren schon erloschen, kü?te ich zum ersten mal in meinem Leben meiner Mutter kühlen, welken Mund. Dann überlief die fremde Kühle der Berührung mich mit pl?tzlichem Grausen, ich setzte mich auf den Rand des Bettes und fühlte, da? mir langsam und z?gernd eine gro?e Tr?ne um die andere über Wangen, Kinn und H?nde lief.

Bald darauf erwachte der Vater, sah mich dasitzen und rief mich schlaftrunken an, was es g?be. Ich wollte ihm Antwort geben, konnte aber nichts sagen, sondern ging aus der Stube, kam wie im Traum in meine Kammer und zog langsam und unbewu?t meine Kleider an. Bald erschien der Alte bei mir.

?Die Mutter ist tot," sagte er. ?Hast du's gewu?t?"

Ich nickte.

?Warum hast du mich schlafen lassen? Und kein Priester ist dagewesen! Dich soll doch -" er tat einen schweren Fluch.

Da tat irgend etwas in meinem Kopf mir weh, wie wenn eine Ader gesprungen w?re. Ich trat auf ihn zu und nahm ihn fest bei beiden H?nden - er war an St?rke ein Knabe gegen mich, und sah ihm ins Gesicht. Sagen konnte ich nichts, aber er ward still und beklommen und als wir darauf beide zur Mutter hinüber gingen, ergriff auch ihn die Gewalt des Todes und machte sein Gesicht fremd und feierlich. Dann bückte er sich über die Tote und begann ganz leise und kindlich zu klagen, fast wie ein Vogel, in hohen schwachen T?nen. Ich ging weg und brachte den Nachbarn die Nachricht. Sie h?rten mich an, stellten keine Fragen, sondern gaben mir die Hand und boten unsrem verwaisten Haushalt ihre Hilfe an. Einer lief den Weg ins Kloster, um einen Pater zu holen, und da ich heimkehrte, war schon eine Nachbarin in unsrem Stall und versorgte die Kuh.

Der Hochwürdige kam, und fast alle Frauen des Orts kamen, alles geschah pünktlich und richtig wie von selber, sogar der Sarg ward ohne unser Zutun besorgt und ich konnte zum erstenmal deutlich sehen, wie gut es in schweren Lagen ist, heimisch zu sein und einer kleinen, sicheren Gemeinschaft anzugeh?ren. Am andern Tage h?tte ich mir das vielleicht noch tiefer überlegen sollen

Als n?mlich der Sarg gesegnet und versenkt und die wunderliche Schar wehmütig altmodischer, borstiger Cylinderhüte verschwunden war, auch der meines Alten, jeder in seine Schachtel und seinen Schrank, da wandelte meinen armen Vater eine Schw?che an. Er begann pl?tzlich sich selbst zu bemitleiden und hielt mir in sonderbaren, gro?enteils biblischen Redewendungen sein Elend vor, da? er nun, da sein Weib begraben sei, auch noch seinen Sohn verlieren und in die Fremde fahren sehen müsse. Es nahm kein Ende, ich h?rte erschrocken zu und war beinahe bereit, ihm das Dableiben zu versprechen.

In diesem Augenblick, ich hatte schon zur Antwort angesetzt, geschah mir etwas Merkwürdiges. Es erschien mir pl?tzlich, in einer einzigen Sekunde, alles das, was ich von klein auf gedacht und erwünscht und sehnlich erhofft hatte, zusammengedr?ngt vor einem pl?tzlich aufgetanen innerlichen Auge. Ich sah gro?e, sch?ne Arbeiten auf mich warten, zu lesende Bücher und zu schreibende Bücher. Ich h?rte den F?hn gehen und sah ferne, selige Seeen und Ufer in südlichen Farben ergl?nzend liegen. Ich sah Menschen mit klugen, geistigen Gesichtern wandeln und sch?ne, feine Frauen, sah Stra?en laufen und P?sse über Alpen führen und Eisenbahnen durch L?nder hasten, alles zugleich und jedes doch für sich und deutlich, und hinter allem die unbegrenzte Ferne eines klaren Horizontes, von treibenden Flugwolken durchschnitten. Lernen, schaffen, schauen, wandern - die ganze Fülle des Lebens gl?nzte in flüchtigem Silberblick vor meinem Auge auf, und wieder wie in Knabenzeiten zitterte etwas in mir mit unbewu?t m?chtigem Zwang der gro?en Weite der Welt entgegen.

Ich schwieg und lie? den Vater reden, schüttelte nur den Kopf und wartete, bis sein Ungestüm ermüdete. Das geschah erst am Abend. Nun erkl?rte ich ihm meinen festen Entschlu? zu studieren und meine künftige Heimat im Reich des Geistes zu suchen, von ihm aber keine Unterstützungen zu begehren. Er drang denn auch nicht weiter in mich und sah mich nur wehleidig und kopfschüttelnd an. Denn auch er begriff, da? ich von jetzt an eigene Wege gehen und seinem Leben schnell vollends fremd werden würde. Als ich heute beim Schreiben mich des Tages erinnerte, sah ich meinen Vater wieder so wie er an jenem Abend im Stuhl beim Fenster sa?. Sein scharfer, kluger Bauernkopf steht unbeweglich auf dem dünnen Hals, das kurze Haar beginnt zu grauen und in den harten, strengen Zügen k?mpft mit der z?hen M?nnlichkeit das Leid und das hereinbrechende Alter.

Von ihm und von meinem damaligen Aufenthalt unter seinem Dach bleibt mir noch ein kleines, nicht unwichtiges Ereignis zu erz?hlen. In der letzten Woche vor meiner Abreise setzte eines Abends mein Vater seine Mütze auf und nahm den Türgriff in die Hand. ?Wo gehst du hin?" fragte ich. ?Geht's dich was an?" sagte er. ?K?nntest mir's auch sagen, wenn's nichts Unrechtes ist," meinte ich. Da lachte er und rief: ?Kannst auch mitkommen, bist ja keiner von den Kleinsten mehr." So ging ich denn mit. Ins Wirtshaus. Ein paar Bauern sa?en da vor einem Krug Hallauer, zwei fremde Fuhrleute tranken Absinth, ein Tisch voll junger Burschen spielte Ja? und spektakelte m?chtig.

Ich war gewohnt zuweilen ein Glas Wein zu trinken, doch war es nun zum ersten Mal da? ich ohne Not ein Schankhaus betrat. Da? mein Vater ein gediegener Zecher sei, wu?te ich vom H?rensagen. Er trank viel und gut und dadurch blieb sein Hauswesen, ohne da? er es sonst ernstlich vernachl?ssigt h?tte, immer in einer hoffnungslosen Kümmerlichkeit stecken. Es fiel mir auf, wie viel Achtung ihm von Wirt und G?sten gezeigt wurde. Er lie? einen Liter Waadtl?nder bringen, hie? mich einschenken und belehrte mich darüber, wie das zu machen sei. Man müsse niedrig einschenken, dann den Strahl m??ig verl?ngern und zum Schlu? die Flasche wieder so tief als m?glich senken. Darauf begann er von verschiedenen Weinen zu erz?hlen, die er kannte und die er bei seltenen Gelegenheiten, wenn er etwa einmal zur Stadt oder ins Welsche hinüber kam, zu genie?en pflegte. Er sprach mit ernster Achtung vom tiefroten Veltliner, von welchem er drei Arten unterschied. Hierauf kam er mit leiserer, eindringender Stimme auf gewisse Waadtl?nder Flaschenweine zu sprechen. Fast flüsternd und mit der Miene eines M?rchenerz?hlers berichtete er zuletzt vom Wein von Neuchatel. Von diesem g?be es Jahrg?nge, deren Schaum beim Einschenken im Glase einen Stern bilde. Und er zeichnete den Stern mit angefeuchtetem Zeigefinger auf den Tisch. Dann versank er in ungeheuerliche Mutma?ungen über das Wesen und den Geschmack des Champagners, den er nie getrunken hatte und von welchem er glaubte, da? eine Flasche davon zwei Mann stocksternhagelbetrunken mache.

Verstummend und nachdenklich zündete er sich eine Pfeife an. Dabei bemerkte er, da? ich nichts zu rauchen habe, und gab mir zehn Rappen für Cigarren. Und dann sa?en wir einander gegenüber, bliesen uns den Rauch ins Gesicht und tranken langsam schlürfend den ersten Liter leer. Der gelbe, pikante Waadtl?nder schmeckte mir vorzüglich. Allm?hlich wagten die Bauern am Nebentisch sich mit ins Gespr?ch und schlie?lich siedelte einer nach dem andern r?uspernd und vorsichtig zu uns über. Bald kam auch ich in den Mittelpunkt und es zeigte sich, da? mein Ruf als Bergsteiger noch nicht vergessen war. Allerlei verwegene Aufstiege und tolle Abstürze, in mythische Nebel gehüllt, wurden erz?hlt, bestritten und verteidigt. Mittlerweile waren wir schon fast mit dem zweiten Liter fertig und mir sauste das Blut in den Augen. Ganz gegen meine Natur begann ich laut zu prahlen und erz?hlte auch die freche Kletterei an der oberen Sennalpstockwand, wo ich die Alpenrosen für R?si Girtanner geholt hatte. Man glaubte mir nicht, ich beteuerte, man lachte, ich ward zornig. Ich forderte jeden der mir nicht glaubte, zum Ringen heraus und lie? merken, da? ich zur Not sie alle miteinander zu zwingen denke. Da ging ein altes, krummes B?uerlein in die Kredenz, brachte einen gro?en Steingutkrug und legte ihn der L?nge nach auf den Tisch.

?Ich will dir was sagen," lachte er. ?Wenn du so stark bist, so hau den Krug mit der Faust zusammen. Dann zahlen wir dir so viel Wein, als er fa?t. Wenn du es nicht kannst, zahlst aber du den Wein."

Mein Vater stimmte sogleich zu. Also stand ich auf, wickelte mein Taschentuch um die Hand und schlug. Die zwei ersten Schl?ge taten keine Wirkung. Beim dritten ging der Krug in Stücke. ?Zahlen!" rief mein Vater und gl?nzte vor Wonne, der Alte schien einverstanden. ?Gut," sagte er, ?ich zahl' Wein, soviel in den Krug geht. Wird aber nimmer viel sein." Freilich fa?te der Scherben keinen Schoppen mehr und ich hatte zum Schmerz im Arm noch den Spott. Auch mein Vater lachte mich jetzt aus.

?Nun, so hast du gewonnen," schrie ich, schenkte den Scherben aus unsrer Flasche voll und go? ihn dem Alten über den Kopf. Nun waren wir wieder die Sieger und hatten den Beifall der G?ste.

Derlei starke Scherze wurden noch mehr getrieben. Dann schleppte mein Vater mich nach Hause und wir polterten aufgeregt und unwirsch durch die Stube, in welcher vor noch nicht drei Wochen der Sarg der Mutter gestanden hatte. Ich schlief wie ein Toter und war am Morgen ganz verwüstet und zerbrochen. Der Vater spottete, war munter und heiter und freute sich sichtlich seiner überlegenheit. Ich aber schwor im stillen, nie mehr zu zechen, und wartete sehnlichst auf den Tag der Abreise.

Der Tag kam und ich reiste ab, den Schwur aber habe ich nicht gehalten. Der gelbe Waadtl?nder, der tiefrote Veltliner, der Neuenburger Sternwein und viele andere Weine sind mir seither bekannt und gute Freunde geworden.