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Kapitel 2
Nikolas' Worte hallten in meinem Kopf wider. „Sag ihr, sie soll aufhören zu lügen. Ich falle nicht noch einmal darauf herein. " Er hatte es gesagt. Wieder. Das eisige Gefühl breitete sich in meiner Brust aus, bis es meine Fingerspitzen erreichte. Die Kälte, die nichts mit der Temperatur im Keller zu tun hatte. Eine Kälte, die direkt aus meinem Herzen kam. Es war die Kälte des Verrats.
Hat er auch ein früheres Leben gekannt? Hatte er die Schreie gehört, den Geruch von Blut und Angst in der Nase gehabt? Oder war er einfach nur ... so? Ich konnte es nicht glauben. Ich wollte es nicht glauben. Wie konnte ein Bruder so blind sein? So grausam?
Ich erinnerte mich an unser früheres Leben, an den Schrecken, den wir ertragen hatten. Das qualvolle Ende. Er hatte es miterlebt, wie unsere Mutter gefoltert wurde, um herauszufinden, wo die Wertsachen waren. Und er hatte meine Hilferufe als eifersüchtiges „Theater " abgetan. Wie konnte jemand so etwas einfach vergessen? Es musste Celines Einfluss sein. Ihre Worte, ihre Manipulationen. Sie hatte ihn in der Hand. Eine giftige Blume, die sich in seine Seele gewickelt hatte.
Ein Schatten fiel auf die schmale Spalte unter der Tür. Eine Gestalt. Schwer. Ich hörte ein dumpfes Geräusch, als der Kopf eines Hammers gegen den äußeren Holzrahmen schlug. Die Tür zitterte. Ein lautes Knarren. Die Truhe, die wir davor geschoben hatten, rutschte noch ein Stück weiter. Ein markerschütterndes Knirschen, als das Holz an der Steinfassung rieb. Das Geräusch war wie ein Schrei. Ich spürte, wie die Tür langsam, aber unaufhaltsam nachgab.
Ein feiner Riss bildete sich im Holz der Tür, knapp über dem Riegel. Er wurde länger, breiter. Ein knisterndes Geräusch, als die Fasern rissen. Das Ende. Sie waren fast drin.
„Komm raus, kleine Mäuse! Keine Angst. Wir wollen nur ein bisschen spielen! ", drang eine raue, heisere Stimme von draußen durch die Tür. Ein widerliches, kehliges Lachen. Meine Glieder gehorchten mir nicht mehr. Ich spürte, wie meine Beine weich wurden. Ich zog Mama hinter mich, drückte sie gegen die kalte Steinwand. Meine Augen waren auf den Riss in der Tür geheftet, der sich immer weiter ausbreitete. Ich sah Blut. Überall.
Ein Schweißtropfen lief an meiner Schläfe herunter, kalt und klebrig. Meine Hände waren feucht. Ich schluckte schwer. Meine Kehle war wie zugeschnürt.
Die Tür gab endlich nach. Mit einem letzten, lauten Krachen splitterten die Holzfasern. Der Riegel brach. Die Truhe wurde zur Seite geschoben, mit einem lauten Scheppern. Ein massiver, dreckiger Stiefel zwängte sich durch den Spalt. Dann ein zweiter. Ein Schatten fiel in den Raum.
„Was haben wir denn da? Zwei kleine Hasen, die sich verstecken wollen? ", grinste der Mann. Sein Mund verzog sich zu einem schiefen Lächeln, das seine gelben, kariösen Zähne entblößte. Seine Augen waren blutunterlaufen, starrten gierig in den Raum. Er sah aus wie ein Tier.
In seiner Hand hielt er ein langes, glänzendes Messer. Das Licht des Notlichts, das im Keller hing, spiegelte sich in der Klinge. Ein eiskalter Glanz. Es tanzte über seine schmutzigen Knöchel. Er sah mich an, seine Blicke waren widerlich, sie durchbohrten mich. Sie tasteten mich ab.
„Na, du bist ja ein hübsches Ding ", sagte er. Seine Stimme war schleimig, ekelhaft. „Vielleicht haben wir ja noch ein bisschen Spaß, bevor wir gehen. "
„Fass sie nicht an! ", schrie Mama. Es war ein verzweifelter, gellender Laut, der aus ihrer Kehle kam. Sie versuchte, sich vor mich zu stellen. Ihre Augen waren voller Feuer, voller Hass und Furcht. Eine Löwin, die ihr Junges verteidigte.
Ich schluckte schwer. Meine Augen brannten. Ich durfte nicht zusammenbrechen. Nicht jetzt. „Mama, hör zu ", flüsterte ich, meine Stimme war kaum hörbar. „Wenn sie uns kriegen, ist es vorbei. Du musst springen. Aus dem Fenster da. " Ich zeigte auf das kleine, vergitterte Kellerfenster, das nach draußen führte. Es war schmal, aber breit genug für einen Menschen. „Ich halte sie auf. Du musst zu Aiden. Er ist unser Nachbar. Er muss die Polizei holen. "
Der Mann kam näher. Ich konnte seinen Gestank riechen. Schweiß, Alkohol und Verwesung. Er hob das Messer. Die Zeit rann uns davon. „Ich werde es nicht zulassen, dass du noch einmal stirbst, Mama ", dachte ich. In meinem früheren Leben waren wir beide gestorben. Folter, dann der Tod. Ich hatte ihre Schreie gehört, meine eigenen geschrien. Nie wieder.
„Nein! Ich lasse dich nicht allein! ", flüsterte Mama. Sie klammerte sich an mich. Ihre Hände waren eiskalt.
Ich packte ihr Handgelenk. Meine Augen flehten sie an. „Bitte, Mama! Du musst leben! Für uns! Für Papa! Du bist unsere einzige Hoffnung. Ich kann nicht kämpfen, aber du kannst fliehen! "
Der Einbrecher war jetzt direkt vor uns. Er grinste. „Na, was tuschelt ihr da, meine Lieben? Keine Geheimnisse vor uns. " Er schob die Truhe vollständig beiseite.
„Spring jetzt! ", schrie ich. „Spring, Mama! Bitte! "
Bevor ich mich noch einmal wehren konnte, stürmte Mama auf den Mann zu. Sie schlug mit ihren Fäusten auf seine Brust. Es war ein verzweifelter, nutzloser Angriff. „Lauf, Isabelle! Lauf! Wenn sie mich haben, haben sie dich nicht! Sie werden dich nicht erwischen! "
„Mama! ", schrie ich, mein Herz zersprang. Meine Augen weiteten sich vor Entsetzen.
Ich sah es genau. Alles lief wie in Zeitlupe ab. Das Messer. Der Mann. Mamas Rücken. Ein dumpfer Schrei. Das Messer verschwand in ihrem Rücken, direkt unter ihrem linken Schulterblatt. Ein roter Fleck breitete sich auf ihrem eleganten Schlafanzug aus.
Ein Schrei, der aus den Tiefen meiner Seele kam, entwich mir. Meine Sicht verschwamm. Blutrot. Nein. Nicht schon wieder.
Mama keuchte. Sie sank nicht, sondern klammerte sich mit letzter Kraft an den Arm des Einbrechers, während dieser das Messer herauszog. Sie sah mich an, ihre Augen waren trüb, aber ihr Blick war klar. „Spring, Isabelle! Jetzt! Zögere nicht! "
Mein Blut gefror in meinen Adern. Mein Körper zitterte. Renne. Das war der einzige Befehl, der in meinem Kopf existierte. Ich konnte sie nicht rächen, wenn ich tot war. Ich konnte nichts tun. Ich war schwach. Ich war machtlos.
Ich rannte. Ohne zu zögern. Ich sprang durch das schmale Kellerfenster, das ich in meiner Panik geöffnet hatte. Ich hörte das Bersten von Glas, als ich hindurchschlüpfte. Mein Körper prallte auf dem schneebedeckten Boden auf. Ein stechender Schmerz durchfuhr meinen rechten Knöchel. Mein Schienbein. Aber ich spürte es kaum. Ich musste rennen. Ich musste Aiden erreichen.
Kapitelliste
11 Kapitel insgesamt
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