Zum Hauptinhalt springen

Kapitel 2

Hanna Kunz POV:

„Hanna, mein Schatz, komm einfach nach Hause. "

Die Stimme meines Vaters war sanft, aber bestimmt.

Er hielt mein Gesicht in seinen großen Händen.

Ich sah die Sorge in seinen Augen.

„Ich habe für dich das Gästezimmer vorbereitet. Keine Fragen, keine Vorwürfe. Nur Ruhe. "

Ich nickte. Meine Stimme versagte.

Die letzten Stunden waren ein Strudel aus Leere und plötzlichen, stechenden Schocks gewesen.

Ich hatte den Umzugswagen abbestellt.

Ich hatte die Schlüssel auf den Küchentisch gelegt.

Ich hatte einen Umschlag für Mika hinterlassen, mit einer Nachricht, die so kurz war wie unsere gemeinsamen fünf Jahre am Ende wertlos waren.

„Es ist vorbei. Ich wünsche dir alles Gute. "

Mein Vater, Prof. Dr. Agmund Kunz, war ein weltberühmter Chirurg. Eine Koryphäe.

Er hatte das renommierte Klinikum in Berlin, das seinen Namen trug, zu einer Institution gemacht.

Ich war seine Tochter.

Die gleiche Leidenschaft für die Chirurgie, die gleiche akribische Präzision.

Aber ich hatte das alles für Mika aufgegeben.

Für seine Minderwertigkeitskomplexe.

Er war Anästhesist. Solide, aber nicht herausragend.

Als wir uns kennengelernt hatten, war er fasziniert von meiner ruhigen Art.

Ich war die brillante junge Ärztin, die anonym in einem Regionalkrankenhaus arbeitete.

Ich hatte ihm meine Herkunft verschwiegen.

Ich wollte, dass er mich liebte, nicht den Namen Kunz.

Er hatte immer davon gesprochen, wie er im Schatten seines eigenen, erfolgreichen Vaters stand.

Er hatte diese Geschichte so oft erzählt, dass ich sie glaubte.

Ich dachte, ich würde ihm helfen, aus diesem Schatten herauszutreten, indem ich meinen eigenen verbarg.

Ein bitterer Schimmer huschte über meine Lippen.

Ich hatte ihn nicht inspiriert. Ich hatte ihn erstickt.

Fünf Jahre lang hatte ich meine Identität als Tochter von Agmund Kunz verleugnet.

Fünf Jahre lang hatte ich meine Karriere im Keim erstickt, um an seiner Seite in diesem kleinen Krankenhaus zu bleiben.

Ich hatte es ihm leicht gemacht, mich zu unterschätzen.

Ich hatte es ihm leicht gemacht, mich für selbstverständlich zu nehmen.

Ich hatte es ihm leicht gemacht, mich zu verlassen.

Ein Seufzer entwich mir.

Es war vorbei.

„Ja, Papa ", sagte ich. „Ich komme. "

Sein Lächeln war eine Erleichterung. Rein und unverfälscht.

„Das ist das Beste, mein Kind. Berlin wartet auf dich. "

Ich packte meinen kleinen Koffer. Nur das Nötigste.

Ich war bereit für Berlin.

Als ich in der gemeinsamen Wohnung stand, war es gespenstisch still.

Die Kisten waren weg.

Mika würde sie wohl weggebracht haben.

Wahrscheinlich hatte er die Spedition noch rechtzeitig erreicht.

Ich ging in die Küche.

Ich nahm mir ein einfaches Sandwich aus dem Kühlschrank.

Es schmeckte nach nichts.

Ich setzte mich an den Tisch und scrollte gedankenversunken durch mein Handy.

Plötzlich blieb mein Daumen stehen.

Ein Post von Jelka Bausch.

Ein Selfie.

Sie und Mika, Arm in Arm, strahlend.

Der Hintergrund war eine bekannte Bar in der Stadt.

Dazu der Text: „Bester Mentor und Seelenverwandter, der mich aus tiefster Panik gerettet hat. Danke, Mika! #Seelenverwandtschaft #Lebensretter "

Mir wurde übel.

Der Kamillentee. Die Panikattacke. Die Entschuldigungen.

Alles eine Farce.

Ein billiges Theaterstück, inszeniert für mich.

Ich legte das Handy weg.

Keine Wut.

Nur kalte, reine Abscheu.

Er würde heute Nacht nicht nach Hause kommen. Das wusste ich.

Und es war mir egal.

Ich hatte keine Erwartungen mehr an ihn.

Das Gefühl der Befreiung war überwältigend.

Ich war nicht wütend. Ich war leer.

Und diese Leere war ein Geschenk.

Es war der Raum, den ich brauchte, um neu anzufangen.

Am nächsten Morgen kündigte ich meinen Job im Regionalkrankenhaus.

Der Chefarzt, Dr. Schmidt, war überrascht.

„Dr. Kunz, das ist doch sehr plötzlich. Ist alles in Ordnung? "

Ich nickte. „Ja, Dr. Schmidt. Alles in bester Ordnung. Ich habe ein Angebot in Berlin angenommen. "

Er versuchte, mich zu überzeugen.

„Sie sind eine so wertvolle Ärztin für uns. Ihr Talent ist außergewöhnlich. "

Ich lächelte. Ein echtes Lächeln.

„Danke, Dr. Schmidt. Aber mein Weg führt mich jetzt nach Berlin. "

Als ich meinen Schreibtisch räumte, sah ich Mika im Flur.

Er kam auf mich zu, ein Lächeln auf den Lippen.

„Hanna, Schatz! Ich habe dich gestern Abend angerufen. Wo warst du? Dein Handy klingelte durch. "

Ich hatte es ausgeschaltet.

„Ich war bei meinem Vater ", sagte ich.

Er runzelte die Stirn.

„Ach so. Hat er sich Sorgen gemacht wegen des Umzugs? "

Ich nickte. Ich sagte nichts.

Mika kam näher. Ich konnte den Geruch von Jelkas Parfüm an ihm riechen.

Süßlich, blumig. Ein Duft, den ich jetzt für immer mit Betrug verbinden würde.

Es war dasselbe Parfüm, das ich an ihm gerochen hatte, als er vom Dienst nach Hause gekommen war.

Das war vor drei Monaten.

Ich hatte es ignoriert.

Ich hatte es weggewischt.

Ich hatte es mir schön geredet.

Ich hatte ihn damals gefragt: „Warst du in einem Parfümeriegeschäft? "

Er hatte gelacht. „Nein, Hanna. Warum? Rieche ich gut? "

Ich hatte zugestimmt.

Wie dumm ich gewesen war.

Ich hatte die Zeichen gesehen. Ich hatte sie verleugnet.

Ich hatte mich selbst betrogen, um ihn nicht zu verlieren.

Er legte seine Hand auf meinen Arm.

Ich zuckte nicht zurück. Meine Haut war taub.

„Ich habe mir Sorgen gemacht. Ich habe gesehen, dass du meine Nachrichten gelesen hast. "

Ich hatte sie nicht beantwortet.

„Ich habe gestern Abend lange mit Jelka geredet. Sie ist wirklich zerbrechlich. Aber jetzt ist alles gut. Wir können den Umzug nächste Woche in Angriff nehmen. "

Er lächelte mich an. Ein Lächeln voller Selbstgefälligkeit.

Ich sah ihn an.

Er hatte Kratzer am Hals. Kleine, rote Linien.

Ich erinnerte mich an unsere Nächte.

Ich war immer so vorsichtig gewesen. Ich hatte nie Spuren hinterlassen.

Ich hatte versucht, perfekt zu sein.

Nie zu viel fordern. Nie Spuren hinterlassen.

Er war immer derjenige gewesen, der Spuren hinterlassen hatte.

Aber nicht bei mir.

Ich hatte mich immer zurückgehalten. Aus Angst, ihn zu überfordern.

Aus Angst, ihn zu verletzen.

Er war derjenige, der leicht zu verletzen war.

Ich war die Starke.

Das hatte er immer gesagt.

Wie oft hatte ich mir gewünscht, dass er mich genauso leidenschaftlich berührte, wie er Jelka berührte?

Er hatte mir immer erzählt, ich sei so stark, so unabhängig. Das hatte er bewundert.

Aber in Wahrheit hatte er es benutzt, um mich zu vernachlässigen.

Er hatte meine Stärke als Entschuldigung benutzt, seine Aufmerksamkeit anderen zu schenken.

Jelka war die Zerbrechliche. Die Hilflose. Diejenige, die ihn brauchte.

Er hatte immer die Frau gesucht, die ihn brauchte.

Ich hatte ihn nie wirklich gebraucht.

Ich hatte ihn geliebt.

Aber ich hatte ihn nicht gebraucht.

Ich hatte ihn nicht gebraucht, um mein Leben zu leben.

Ich hatte ihn nicht gebraucht, um glücklich zu sein.

Ich hatte ihn nicht gebraucht, um ich selbst zu sein.

Die Erkenntnis traf mich wie ein Blitz.

Ich hatte mich selbst verloren, um ihn nicht zu verlieren.

Ich hatte mich klein gemacht, um ihn nicht zu übertreffen.

Ich hatte meine Identität aufgegeben, um seine zu schützen.

Und er hatte es genossen.

Er hatte es genossen, der Retter zu sein.

Der starke Mann, der die zerbrechliche Frau rettete.

Er hatte es genossen, mich zu betrügen.

Meine Kündigung lag auf dem Tisch.

Er sah sie. Seine Augen weiteten sich.

„Was ist das? ", fragte er. Seine Stimme war plötzlich dünn.

„Meine Kündigung ", sagte ich.

„Ich gehe nach Berlin. "

Möchtest du weiterlesen?

Lies weiter, um die Geschichte fortzusetzen.

Weiterlesen

Kapitelliste

10 Kapitel insgesamt

  1. Kapitel 1Kapitel 1
  2. Kapitel 2Kapitel 2
  3. Kapitel 3Kapitel 3

Neuerscheinungen