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Kapitel 2 Ein Flugticket
Mir schießt die Röte ins Gesicht. Für wen hält sich dieses Mädchen eigentlich?
„Bin ich nicht“, antwortet Finn, ohne auch nur einen Moment zu zögern.
„Schade.“ Amber zieht eine Schnute. „Ich würde sie aber schon ganz gern nackt sehen.“
Was ist ihr Problem? Macht sie sich über mich lustig? Macht sie sich über die unscheinbare, unbeholfene Freundin lustig? Oder ist ihr Interesse ernst gemeint?
So oder so will ich nicht bleiben, um es herauszufinden.
Ich drehe mich um und dränge mich in Richtung der Toiletten durch die Menge. Ich brauche Platz, Luft und Ruhe.
Dumm, dumm, dumm, schimpfe ich stumm mit mir selbst. Was habe ich denn erwartet, was heute Abend passiert?
Auf der Toilette stütze ich mich auf dem Waschbecken ab und starre mein Spiegelbild im verschmierten Glas an.
„Reiß dich zusammen“, murmele ich. „Das war deine Idee.“
Mein brillanter Plan, Finn aufzuheitern, ist spektakulär nach hinten losgegangen. Statt ihn von Delilah abzulenken, habe ich ihn Amber direkt in die Arme getrieben. Und jetzt verstecke ich mich auf der Toilette, während die beiden vermutlich gerade wild knutschen und Nummern austauschen.
Ich spritze mir etwas kaltes Wasser auf die Handgelenke, trage meinen Lippenstift neu auf und wappne mich dafür, wieder da rauszugehen. Ich bin eine erwachsene Frau. Ich halte es schon aus, mitanzusehen, wie mein bester Freund was mit einer anderen anfängt. Das mache ich schon seit einem Jahrzehnt.
Doch als ich mich endlich wieder in den Club wage und die Tanzfläche nach Finns vertrauter Gestalt absuche, ist er nirgends zu finden.
Der Platz, an dem er und Amber tanzten, ist jetzt von einer Gruppe College-Mädchen besetzt, die Selfies machen. Panik keimt in mir auf, während ich mich suchend durch die schwitzenden Körper dränge. Er würde nicht ohne mich gehen. Oder doch?
Ich entdecke sie in dem Moment, als sie durch die Vordertür schlüpfen. Finns Arm ruht um Ambers Taille, und sie wirft lachend den Kopf in den Nacken, amüsiert über etwas, das er gesagt hat. Sie gehen. Zusammen. Ohne auch nur eine SMS.
Ich bahne mir rücksichtslos meinen Weg zum Ausgang und ignoriere die Flüche und bösen Blicke, die mir hinterhergeworfen werden.
Die kühle Nachtluft schlägt mir entgegen, als ich nach draußen stürme, gerade noch rechtzeitig, um Finn dabei zu ertappen, wie er mit Schlüsseln, genauer gesagt meinen eigenen, an meinem Auto herumfummelt.
„Hey, hey, hey. Wohin gehst du?“ Ich eile auf sie zu, während meine Absätze laut auf dem Asphalt klackern.
Finn blickt überrascht auf. „Wir verlagern die Party nach Hause, Sloane.“
„Und du hast beschlossen, mein Auto zu nehmen?“
Immerhin besitzt er den Anstand, verlegen dreinzublicken. Er fährt sich mit der Hand durch den Nacken, eine vertraute Geste, die ich normalerweise so hinreißend finde. Doch heute Abend heizt sie meine Wut nur weiter an. Wie kann er es wagen, da zu stehen und jungenhaft verlegen dreinzuschauen, wenn er gerade im Begriff war, mein Auto zu klauen?
Amber verdreht nur die Augen. „Komm mal runter, Mutti. Du kannst mit Uber nach Hause fahren.“
„Das werde ich ganz bestimmt nicht tun.“ Ich reiße Finn die Schlüssel aus der Hand. „Ihr seid beide betrunken. Setzt euch auf den Rücksitz. Ich fahre.“
Amber kneift die Augen zusammen, lässt sich aber trotzdem auf den Sitz gleiten.
Finn folgt ihr, ohne mir dabei wirklich in die Augen zu sehen. Ich schlage die Tür hinter ihnen härter als nötig zu.
Die Fahrt ist die reinste Folter. Meine Knöchel treten weiß hervor, während ich das Lenkrad umklammere und uns durch die dunklen Straßen navigiere. Dabei versuche ich krampfhaft auszublenden, was in meinem Rückspiegel vor sich geht. Aber es ist unmöglich, sie zu überhören, sei es das Flüstern, das Kichern oder die feuchten Schmatzgeräusche.
Ich drehe das Radio lauter, aber selbst das kann ihr Murmeln nicht übertönen.
„Ich will dich so sehr“, sagt Finn.
„Nimm mich genau hier, genau jetzt“, antwortet Amber.
Bei ihrer Stimme läuft es mir eiskalt den Rücken herunter.
„Igitt. Wenn ihr in meinem Auto vögelt, werfe ich euch beide hochkant aus dem Fenster“, zische ich und gerate leicht ins Schlingern, als ich mich umdrehe, um sie finster anzufunkeln.
Sie sind auf dem Rücksitz förmlich ineinander verknotet. Amber sitzt quasi auf Finns Schoß, ihr Lippenstift ist über seinen ganzen Hals verschmiert. Ihre Hand ist gefährlich hoch auf seinem Oberschenkel.
Sie fängt meinen Blick im Spiegel auf und lächelt. „Willst du mitmachen?“ Ihre Zunge fährt heraus, um ihre Lippen zu befeuchten. „Es wird Spaß machen.“
Ich komme beinahe von der Straße ab.
„Was?“ Meine Stimme ist nur noch ein hohes Quietschen.
„Du hast mich gehört. Ich wollte schon immer einen Dreier ausprobieren.“
Finns Augen treffen meine im Rückspiegel. Er kann sehen, dass ich wütend bin. „Amber, ich glaube nicht ...“
„Sag mir nicht, du hast nicht darüber nachgedacht, Finn“, unterbricht sie ihn. „Deine heiße kleine Nerd-Freundin, ganz wuschig und verzweifelt. Ich wette, sie ist ein wildes Tier unter dieser ganzen … Verklemmtheit.“
Mein Gesicht glüht so sehr, dass es mich wundert, dass die Autoscheiben noch nicht beschlagen. „Du bist betrunken“, schaffe ich zu sagen. „Ihr beide.“
„Nicht so betrunken“, schnurrt Amber. „Genau richtig, um gnadenlos ehrlich zu sein. Was sagst du, Sloane? Du, ich und Finn? Ich wette, du hast dir Finns Hände auf dir schon eine Million Mal vorgestellt.“
Im Auto wird es totenstill, nur das Summen des Motors und mein eigenes, wild pochendes Herz sind zu hören. Amber hat mein tiefstes, am besten gehütetes Geheimnis einfach laut ausgesprochen und es in den Raum geworfen, als wäre es das Normalste der Welt. Als wäre es nur ein weiterer betrunkener Vorschlag, nicht das, was mich unzählige Nächte wachgehalten hat.
Ich umklammere das Lenkrad fester, konzentriere mich auf die Straße vor mir, habe Angst, wieder in den Spiegel zu schauen. Angst davor, was Finn in meinem Gesicht sehen könnte.
„Amber, hör auf“, sagt Finn. „Du bringst sie in Verlegenheit.“
„Tue ich das?“ Amber lehnt sich zu mir. „Oder spreche ich nur aus, was Sloane denkt? Deshalb bist du Finn doch als sein Anstandswauwau hierher gefolgt, oder nicht? Du willst ihn.“
Ich trete voll auf die Bremse und lenke den Wagen ruckartig an den Bordstein. „Steigt aus“, sage ich mit zitternder Stimme. „Ihr beide. Steigt aus meinem Auto.“
„Sloane, komm schon“, sagt Finn.
„Ich meine es ernst. Steigt aus. Nehmt ein Uber zu euch. Ich fahre nach Hause.“
Amber lacht schrill auf, ein Geräusch, das an splitterndes Glas erinnert. „Oh mein Gott, ich hatte Recht. Du willst ihn wirklich unbedingt ficken.“
„Amber!“, zischt Finn. „Das reicht.“
Ist das wirklich alles, was das hier ihrer Meinung nach ist? Eine bloße körperliche Anziehung? Sie hat keine Ahnung, was Finn mir bedeutet. Sie hat nicht die geringste Vorstellung von der Tiefe der Gefühle, die ich für ihn hege. Sie hat meine Liebe auf etwas Billiges, etwas Beschämendes reduziert.
Meine Hände zittern, als ich mich umdrehe, um sie anzusehen. „Steigt. Aus. Jetzt.“
Etwas in meinem Ausdruck muss sie überzeugen, dass ich es ernst meine. Finn steigt zuerst aus, dann hilft er Amber, die immer noch lacht, als sie auf den Bürgersteig stolpert. Ich warte nicht, um zu sehen, wohin sie gehen. Mit quietschenden Reifen rase ich vom Bordstein weg, während meine Sicht von unvergossenen Tränen verschleiert ist.
~~~
Fast eine Woche lang ignoriere ich Finns Anrufe.
Mein Telefon klingelt. Ich ignoriere es. Es piept. Ich wische die Benachrichtigung weg.
Ich vergrabe mich in der Arbeit in der Hoffnung, dass sie die Demütigung erträglicher macht, die brennend durch meine Adern pulsiert.
Doch Finn Hartley ist wie eine Kakerlake. Er findet immer einen Weg hinein.
„Gehst du mir aus dem Weg, Sloane?“, fragt er und sieht dabei auf mich herab.
Ich blicke von meinem Monitor auf. Er steht da und lehnt lässig an der Trennwand meiner Kabine, als gehöre ihm das ganze Gebäude. Seine Haare sind völlig zerzaust und unter seinen dunklen Augen liegen tiefe Schatten der Schlaflosigkeit. Er sieht … völlig fertig aus. Gut.
„Wer hat dich reingelassen?“, sage ich.
„Die Empfangsdame steht auf mich, erinnerst du dich?“
„Finn, ich bin beschäftigt.“ Ich drehe mich zurück zu meinem Bildschirm. „Können wir später reden?“ Hoffentlich nie.
„Ich bewege mich nicht vom Fleck, bis du mit mir redest.“
Ich blicke mich um. Meine Kollegen gaffen völlig ungeniert. Jenna aus der Buchhaltung hat Carla aus der IT gerade buchstäblich mit dem Ellbogen angestoßen. Fantastisch. Jetzt bin ich die Hauptattraktion des Büro-Dramas.
„Kannst du mal ein bisschen leiser sein?“, zische ich. „Die Leute schauen.“
Er grinst. „Wohl eher checken sie mich ab.“
„Du bist unglaublich eingebildet.“
„Was soll dieser Ton? Hast du … deine Tage oder sowas?“
Oh. Oh, dieser verdammte Mistkerl.
Ich drehe meinen Stuhl zu ihm und kneife die Augen zusammen. „Hast du wirklich gerade ...“
„War doch nur ein Witz!“ Er hebt beschwichtigend die Hände. „Jesus, Sloane. Was zum Teufel ist mit dir los?“
Was ist mit mir los? Er tut ernsthaft so, als wüsste er es nicht? Gut, lass uns dieses Spiel zusammen spielen.
Ich starre ihn an, mit einem dicken Kloß im Hals. „Was willst du, Finn?“
Er greift in seine Jacke und wirft etwas auf meinen Schreibtisch.
„Was ist das?“, frage ich.
„Ein Flugticket nach Asheville, North Carolina. Der Flug geht in sieben Wochen.“
Ich runzle die Stirn. Mir gefällt ganz und gar nicht, worauf das hinausläuft. „Warum gibst du mir ein Flugticket, Finn?“
„Du und ich crashen Delilahs Hochzeit.“
Kapitelliste
155 Kapitel insgesamt
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