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Kapitel 2
CARA POV:
Die Entscheidung war gefallen. Sobald Thiemo gegangen war und die Haustür hinter ihm ins Schloss gefallen war, griff ich nach meinem Handy. Meine Hände zitterten nicht mehr. Es war eine erschreckende, aber auch befreiende Ruhe, die mich durchströmte. Ich suchte die Nummer, die ich seit sieben Jahren nicht gewählt hatte, die Nummer meines Vaters.
Es dauerte nicht lange, bis eine tiefe, vertraute Stimme am anderen Ende abhob. "Reichert."
"Papa", sagte ich, meine Stimme brach fast. Sieben Jahre der Stille, sieben Jahre des Schweigens.
Am anderen Ende herrschte eine lange Pause. Dann hörte ich ein geräuschvolles Ausatmen. "Cara? Bist du das wirklich?"
Tränen stiegen mir in die Augen, aber ich blinzelte sie weg. Jetzt war nicht die Zeit für Schwäche. "Ich bin es, Papa. Ich... ich brauche dich."
"Wo bist du, mein Kind?", seine Stimme war sofort voller Sorge, ohne einen Anflug von Vorwurf. Das war mein Vater. Er mochte meine Entscheidungen nicht immer verstehen, aber er liebte mich bedingungslos.
"Ich bin in der Nordsee, Papa. Mit Nik."
Wieder Stille. Dann hörte ich ein leises, ersticktes Geräusch. "Nik? Du hast einen Sohn?" Seine Stimme bebte. "Ich bin Großvater?"
"Ja, Papa. Er ist fünf Jahre alt."
"Meine Güte… Meine Güte!", hörte ich ihn murmeln. "Das ist… das ist wunderbar, Cara. Das ist das Beste, was ich seit Jahren gehört habe." Eine Welle der Erleichterung durchströmte mich. Er war nicht wütend. Er war einfach nur glücklich.
"Ich möchte nach Hause kommen, Papa. Wenn das noch geht."
"Nach Hause? Cara, meine Tür steht dir immer offen. Immer! Komm sofort. Nimm Nik und komm nach Hause. Ich schicke dir den Jet. Oder ein Auto. Was auch immer du brauchst." Seine Stimme war wieder fest, voller Entschlossenheit. Mein Fels in der Brandung.
"Bald, Papa. Ich muss nur noch etwas erledigen. Für Nik."
Wir sprachen noch eine Weile, und ich spürte, wie eine Last von meinen Schultern fiel. Die Verbindung zu meiner Familie war wiederhergestellt. Der Weg war frei.
In dieser Nacht lag Nik unruhig in seinem Bett. Ich saß neben ihm, strich ihm über die Stirn. "Papa", murmelte er im Schlaf. "Papa, komm nach Hause. Ich will mit dir feiern."
Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Er hatte sich so sehr auf seinen Geburtstag gefreut. Auf die Party, die Thiemo ihm versprochen hatte. Er war so unschuldig, so voller Vertrauen. Ich konnte ihm diese letzte Illusion nicht sofort nehmen. Nicht ohne ihm eine neue Hoffnung zu geben.
Ich küsste seine Stirn. "Bald, mein Schatz. Papa wird kommen. Und dann werden wir schön feiern." Es war eine Lüge, eine weitere in dieser verlogenen Welt, aber eine, die sein kleines Herz vorerst schützen sollte.
Deshalb wartete ich. Einen Tag. Nur noch einen Tag hielt ich diese zerstörte Idylle aufrecht.
Am nächsten Morgen riss mich ein wütendes Klopfen an der Tür aus dem Schlaf. Es war noch früh, die Sonne kämpfte sich gerade erst durch die Vorhänge. Ich sah auf die Uhr. Sieben Uhr. Wer konnte das sein?
Ich stand auf, mein Herz hämmerte. Ein ungutes Gefühl beschlich mich. Als ich die Tür öffnete, stand Cordula Wolff, Thiemos Mutter, vor mir. Ihre Augen waren schmal, ihr Mund zu einem eisigen Strich verzogen. Sie war immer diejenige gewesen, die mich am meisten verachtet hatte. Die mich als "das Mädchen von der Straße" bezeichnet hatte, als "die Goldgräberin, die ihren Sohn umgarnt hat".
"Na, da sind Sie ja endlich", zischte sie, ohne eine Begrüßung. "Thiemo ist nicht nach Hause gekommen."
"Ich weiß", erwiderte ich kühl.
Sie stieß ein verächtliches Lachen aus. "Ach, Sie wissen es? Und Sie sitzen hier einfach herum, während mein Sohn sich um seine wahren Verpflichtungen kümmert? Eine Schande sind Sie."
"Was wollen Sie hier, Cordula?", fragte ich, meine Geduld war am Ende.
"Ich bin gekommen, um Sie zu holen. Und das Kind. Thiemo will, dass Sie bei der heutigen Veranstaltung dabei sind. Es ist wichtig. Sehr wichtig." Ihr Blick schweifte verächtlich zu Niks Kinderzimmer. "Und dieses Kind... Es wird Zeit, dass es lernt, wo sein Platz ist. Und wo Ihrer ist."
"Wir werden nicht kommen", sagte ich fest. "Nik hat heute Geburtstag. Wir haben andere Pläne."
Cordulas Miene verhärtete sich. "Geburtstag? Ach, wirklich? Und wer hat das gesagt? Thiemo? Er hat sicher wichtigeres zu tun, als mit einem... Bastardkind Kuchen zu essen."
Mein Atem stockte. Eine eisige Wälte der Wut durchfuhr mich. "Wagen Sie es nicht, Nik so zu nennen", zischte ich, meine Stimme war gefährlich leise.
"Ach, Cara, Cara", sie schüttelte den Kopf. "Das ist doch die Wahrheit. Thiemo hat sich endlich besonnen. Er wird Joleen Mey heiraten. Die Familie Mey – wissen Sie, was das für unser Unternehmen bedeutet? Und Sie und Ihr... Nik? Sie sind bloß ein Hindernis."
Nik kam in diesem Moment aus seinem Zimmer, die Augen noch verschlafen. "Mama, wer ist das?"
Cordula sah ihn an, und ihr Blick war voller Verachtung. "Ach, da ist ja der kleine Frechdachs. Sag mal, Kleiner, weißt du überhaupt, wer dein richtiger Vater ist?"
Nik sah mich fragend an, seine kleine Stirn war gerunzelt. "Was redet die Frau, Mama?"
"Sie redet Unsinn, mein Schatz", ich kniete mich zu ihm hinunter und umarmte ihn fest. "Hör nicht auf sie."
"Thiemo möchte, dass Sie beide kommen", sagte Cordula, ihre Stimme war wieder eiskalt. "Erscheinen Sie nicht, werden Sie die Konsequenzen tragen. Und glauben Sie mir, die wollen Sie nicht kennenlernen."
In Niks Augen sah ich die Verwirrung, aber auch eine kleine Flamme der Hoffnung. Er hatte Thiemos Nachricht bekommen, die ihn zur "Party" eingeladen hatte. In seiner Vorstellung war es seine Party.
"Wir kommen", sagte ich, meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Eine kalte Wut legte sich um mein Herz. Sie wollten mich demütigen? Sie wollten Nik verletzen? Sie würden es bereuen.
Nik strahlte. "Wir gehen zu Papa? Juhu! Papa hat seinen Geburtstag nicht vergessen!"
Mein Herz blutete. Ich hielt seine Hand fest, als wir Cordulas Wagen bestiegen. Eine eiskalte Vorahnung durchfuhr mich. Das würde keine Geburtstagsparty werden. Es würde der Tag sein, an dem meine Welt endgültig zerbrach. Und der Tag, an dem ich sie neu aufbauen würde.
Als wir das prächtige Anwesen der Wolffs erreichten, war der Garten voller festlich gekleideter Menschen. Champagnergläser glänzten in der Sonne, und lautes Gelächter erfüllte die Luft. Es war eine große, opulente Feier. Nicht Thiemos Art für Niks Geburtstag.
Cordula drängte uns hinein, ihre Augen blitzten triumphierend. Sie wub Nik zur Seite, als wäre er ein lästiges Hindernis. "Zeigen Sie sich", zischte sie mir zu. "Und benehmen Sie sich."
Ich hielt Niks Hand fest. Er sah sich strahlend um. "So viele Leute, Mama! Ist das alles für mich?"
Ich zwang mir ein Lächeln auf. "Ja, mein Schatz."
Dann sah ich sie. Thiemo stand inmitten einer Gruppe von Leuten, den Arm um Joleen Mey gelegt. Sie lachte, ihre Hand ruhte auf seiner Brust. Ihr Lächeln war süßlich, aber ihre Augen strahlten vor Arroganz. Sie trug ein elegantes, weißes Kleid. Nicht wie ein Gast, sondern wie eine Braut.
Mein Magen zog sich zusammen. Ein eisiger Griff umschloss mein Herz.
Joleens Vater, Herr Mey, hob sein Glas. Die Menge verstummte. "Meine lieben Freunde, ich habe eine wundervolle Nachricht zu verkünden!" Er strahlte. "Meine Tochter Joleen und Thiemo Wolff haben beschlossen, ihr Leben zu teilen! Sie haben sich verlobt!"
Ein Jubel brach los. Champagnergläser klirrten. Ich spürte, wie Nik sich an meine Hand klammerte. "Mama, was ist das? Was ist eine Verlobung?"
Mein Blick war starr auf Thiemo gerichtet. Er sah zu mir herüber, seine Augen voller Schuld, aber er wandte sich schnell ab, als Joleen ihm einen Kuss auf die Wange drückte.
"Und nicht nur das!", rief Herr Mey. "Wir haben auch einen neuen Erben der Mey-Wolff-Dynastie zu verkünden! Meine Tochter ist in freudiger Erwartung!"
Wieder Jubel. Mein Atem stockte. Eine Welle der Übelkeit überrollte mich.
Nik sah zu Thiemo, dann zu mir, seine Augen waren groß und verwirrt. "Mama... das ist doch gar nicht meine Geburtstagsfeier, oder?"
Ich konnte nicht antworten. Ich sah Thiemo an, flehentlich, seine Augen trafen meine für einen kurzen Moment. Und in diesem Moment sah ich nicht Reue, sondern nur Feigheit.
"Papa?", fragte Nik laut, seine Stimme brach. "Bin ich nicht dein Sohn?"
Die Menge verstummte. Alle Blicke waren auf uns gerichtet. Cordula Wolff trat vor, ihr Gesicht war zu einer Fratze der Wut verzogen. "Was soll das denn?", zischte sie. "Dieses Kind hier stört unsere Feier! Thiemo hat doch einen neuen Sohn. Einen echten Erben!"
Joleen trat neben Thiemo, ein triumphierendes Lächeln auf ihren Lippen. "Ja, richtig. Thiemo hat jetzt eine Familie. Eine richtige Familie. Und dieser… dieser Junge hier ist doch nur eine peinliche Erinnerung an Cara Knabe, die goldgierige Lügnerin, die versucht hat, sich in unsere Kreise einzuschleichen."
Die Menge murmelte. Blicke der Verachtung trafen mich. Nik presste sich an mein Bein. "Papa...", flüsterte er.
Thiemo stand da, stumm, sein Blick gesenkt. Er sagte nichts. Er verteidigte uns nicht.
"Du bist nicht mein Papa!", rief Nik plötzlich, seine kleine Stimme war voller Schmerz und Wut. "Du bist ein böser Mann! Mama hat gesagt, du bist mein Papa, aber du bist es nicht!"
Cordula lachte hämisch. "Hören Sie das? Sogar das Kind weiß es! Thiemo hat sich nur von dieser Frau umgarnen lassen. Sie hat ihm ein Kind untergeschoben, um ihn zu fesseln!"
Eine Träne rann über meine Wange. Eine Träne voller Wut. Ich sah Thiemo an, der immer noch schwieg. Das war es. Der ultimative Verrat.
"Nik", sagte ich, meine Stimme war fest, klar. Ich kniete mich zu ihm hinunter, wischte ihm die Tränen aus den Augen. "Hör gut zu, mein Schatz. Das ist nicht dein Papa. Er hat dich verstoßen. Ab heute nennst du ihn 'Herr Wolff'. Verstanden?"
Nik nickte, seine Augen waren voller Schmerz, aber auch voller einer neuen, eisigen Entschlossenheit. "Ja, Mama. Er ist Herr Wolff."
Thiemo zuckte zusammen, als hätte ihn ein Blitz getroffen. Er hob den Blick, seine Augen waren voller Panik. "Cara, was redest du da? Das ist unser Sohn!"
"Dein Sohn?", fragte ich, und ein bitteres Lächeln spielte um meine Lippen. "Du hast ihn gerade verstoßen, erinnere dich? Du hast zugelassen, dass er vor all diesen Leuten gedemütigt wird."
Joleen lachte höhnisch. "Ach, jetzt spielt sie die Märtyrerin. Das Einzige, was sie will, ist Geld. Und den Status, den sie nie hatte." Sie streifte ihren Verlobungsring ab, einen riesigen Diamanten, und hielt ihn mir entgegen. "Gib mir meinen Ring zurück, Cara. Den, den Thiemo dir von mir gestohlen und dir geschenkt hat, um dich bei der Stange zu halten."
Ich sah sie an, meine Augen waren wie Eis. Ich hatte in diesem Moment alles verloren. Meine Liebe, meine Illusionen, meine Würde. Aber nicht meine Stärke. Niemals meine Stärke.
Ich zog den einfachen Silberring von meinem Finger und legte ihn auf Joleens ausgestreckte Handfläche. "Nehmen Sie ihn. Behalten Sie ihn. Er ist nichts wert für mich. Und Thiemo auch nicht."
Joleens Lächeln erstarb. Sie hatte erwartet, dass ich protestieren würde, dass ich kämpfen würde. Aber ich war fertig mit Kämpfen.
"Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Engagement, Joleen", sagte ich, meine Stimme war schneidend. "Sie haben einen Mann gewonnen, der seine Familie für Geld verkauft. Ich hoffe, er war den Preis wert."
Ich nahm Niks Hand und drehte mich um, fest entschlossen, diesen Ort zu verlassen. Thiemo stand da, bleich, seine Augen waren weit aufgerissen. Er schien nicht zu fassen, was gerade geschehen war.
"Cara! Warte!", rief er.
Aber ich hörte nicht mehr hin. Ich ging, Nik fest an meiner Seite. Ich würde niemals zurückblicken.
Kapitelliste
10 Kapitel insgesamt
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