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Kapitel 2

CARLA STELLER: Perspektive

Ich rannte aus dem Restaurant, die Weihnachtslichter verschwammen vor meinen Tränen. Draußen war die Kälte ein willkommener Schock, der meine brennenden Wangen kühlte. Ich hörte die Tür hinter mir zuschlagen. Ich wusste, dass sie sofort zu ihrer fröhlichen Feier zurückkehren würden, als wäre ich nie da gewesen.

Und genauso war es. Madlen war wieder der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Ich konnte sie durch die großen Fenster sehen, wie sie Felix' Arm hielt und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Ihr Lachen, hell und unbeschwert, drang selbst durch das Glas zu mir. Ich sah, wie sie verträumt in die Ferne blickte. Felix beugte sich zu ihr. Ich konnte ihre Worte nicht hören, aber ich sah Madlens Mundbewegungen. „Paris ", formte sie. „Ein Traum. " Felix nickte, seine Miene weich. Claudius, der ihr aufmerksam folgte, zog sein Telefon heraus. Er schien schon nach Flügen zu suchen. Sie planten ihre Reise, während ich im Regen stand und die Scherben dessen aufhob, was einmal meine Familie gewesen war.

Ein plötzlicher Gedanke durchzuckte mich. Dies war meine Chance. Meine einzige Chance, es ihnen zu sagen. Ihnen zu sagen, dass ich gehen würde. Für immer. Ich würde nicht zu Weihnachten mitreisen, nicht zu diesem „Traumurlaub ", den sie Madlen schenken wollten. Ich würde meinen eigenen Weg gehen. Ich drehte mich um, bereit, zurückzugehen, um ihnen genau das zu sagen.

Gerade als ich mich umdrehen wollte, sah ich Madlen. Ihre Augen funkelten, als sie sich plötzlich an mich erinnerte. Sie winkte mir zu, ihr Lächeln war zu breit, zu glücklich. „Carla! ", rief sie, ihre Stimme klang wie ein Vogellied. „Willst du nicht mitkommen? Wir fahren nach Paris! Es wird wunderbar! "

Ich erstarrte. Ihr Lächeln verspottete mich. Sie wusste, dass ich nicht mitkommen würde. Sie wollte mich nur demütigen. Aber für einen Moment, nur für einen winzigen Moment, sah ich es als meine Chance. Die Chance, ihnen zu sagen, dass ich gehen würde, dass ich nicht mehr Teil ihrer perfekten kleinen Welt sein würde.

„Ich… ich werde nicht nach Paris fahren ", begann ich, meine Stimme war dünn. „Ich werde… ich werde weggehen. Für eine lange Zeit. "

Felix runzelte die Stirn. „Was redest du da? ", fragte er, seine Stimme war ungeduldig. „Muss das jetzt sein? Wir haben gerade eine schöne Zeit. "

Ich presste die Lippen zusammen. Ich hatte es nicht geschafft, es ihnen zu sagen. Die Worte über das Projekt, über die fünfzehn Jahre, blieben mir im Hals stecken. Sie wollten es nicht hören. Sie würden es nicht verstehen.

In diesem Moment, als Felix mich abwies, hörte ich, wie Madlen etwas aufgeregt flüsterte. Felix' Augen weiteten sich. „Ach, stimmt ja! Madlen, die Ärzte haben angerufen. Du darfst morgen aus dem Krankenhaus entlassen werden! "

Madlen klammerte sich an Felix' Arm. „Oh, Felix! Wohin soll ich denn? Ich kann doch nicht allein sein! "

Felix sah sie sanft an. „Natürlich nicht, mein Schatz. Du kommst zu uns. Das Gästezimmer ist schon vorbereitet. "

Ein Stich durchfuhr mich. Das Gästezimmer. Mein früheres Zimmer, bevor ich das größere Schlafzimmer im oberen Stockwerk bekommen hatte. Das Zimmer, das sie mir jetzt wieder geben wollten, obwohl ich doch gerade…

„Nein ", sagte ich, meine Stimme war fest. Zu meiner eigenen Überraschung. „Sie… sie soll mein Zimmer haben. Das große Schlafzimmer. Dauerhaft. "

Felix und Claudius sahen mich an, als wäre ich verrückt geworden. Felix' Blick war unglaublich, dann wütend. „Was soll das denn jetzt schon wieder werden, Carla? Hast du ein neues Spiel, um uns zu manipulieren? "

Claudius, der sonst so Bedächtige, trat näher. Seine Augen waren voller Misstrauen. „Was soll das heißen, dauerhaft? Was hast du vor? "

Felix schüttelte den Kopf. „Hör auf mit diesem Unsinn, Carla. Madlen ist krank. Wir brauchen jetzt keinen von deinen Zickenanfällen. "

Ich stand aufrecht, meine Schultern waren straff. „Ich meine es ernst ", sagte ich. „Ich werde für eine sehr lange Zeit weg sein. Das Zimmer ist frei. Madlen kann es haben. "

„Für eine lange Zeit? ", fragte Felix. Seine Stimme war scharf, doch in seinen Augen lag eine Spur von Irritation.

Ich sah ihn an, direkt in seine kalten Augen. „Ja, Felix. Für eine sehr, sehr lange Zeit. Ich werde nicht zurückkommen. "

Felix knallte die Faust auf den Tisch. Ein klirrendes Geräusch erfüllte den Raum. Er redete nicht. Er sah mich nur an, seine Augen voller Zorn. Claudius legte eine Hand auf Felix' Arm. Madlen schmiegte sich an Felix, ihr Blick flackerte triumphierend zu mir. Ich war wieder einmal das fünfte Rad am Wagen. Eine Belastung. Ein Ärgernis.

Ich hatte genug. Mein Herz war nicht mehr gebrochen, es war taub. Ich drehte mich um, nahm meine Geschenke und mein kleines Bündel mit meinen Sachen, das ich aus dem Haus mitgenommen hatte. „Ich gehe ", sagte ich, meine Stimme war so heiser, dass ich mich selbst kaum hörte. Keine Antwort. Nur das Schweigen.

Ich erinnerte mich an Felix' Worte, als ich ein kleines Mädchen war. „Carla, meine kleine Schwester, du wirst immer mein Schatz sein. Ich werde dich immer beschützen, egal was passiert. " Und Claudius, der mir versprochen hatte, dass wir immer zusammenhalten würden, für immer. Für immer. Das Wort hallte in meinem Kopf wider, leer und bedeutungslos. War das alles eine Lüge gewesen? Hatte ich mir all das nur eingebildet? Die Wärme, die Liebe, die Fürsorge?

Ich spürte, wie meine Augen brannten, aber keine Tränen fielen. Ich hatte keine mehr. Ich musste jetzt arbeiten. Mich konzentrieren. Ich machte mich auf den Weg zu meinem Labor. Ich würde die Nacht durcharbeiten, meine Forschung vorantreiben. Ich hatte noch so viel zu erledigen, bevor ich verschwand. Ich musste meine Experimente abschließen, meine Daten sichern, alles für das Projekt vorbereiten. Die Zeit drängte. Ich musste alles perfekt machen. Ich wollte keine Spuren hinterlassen.

Zwei Tage später, ich hatte kaum geschlafen, kam ich in meine Wohnung zurück. Müde, bis auf die Knochen. Ich wollte nur ins Bett fallen und alle Sorgen vergessen. Doch als ich die Tür öffnete, sah ich es sofort. Mein Schlafzimmer. Es war leer. Kein einziges meiner Bücher, keine einzige meiner Notizen, kein einziges persönliches Stück mehr dort. Alles war weg. Madlens Sachen lagen schon ordentlich auf dem Bett, ein neues, knallrotes Kleid hing an meinem Kleiderschrank, der jetzt ihr Kleiderschrank war.

Eine leise Stimme unterbrach meine Gedanken. Es war Marta, unsere Haushälterin, die seit meiner Kindheit bei uns war. Sie sah mich mit traurigen Augen an. „Fräulein Carla… ich… ich habe es versucht. Aber die Herren… sie haben gesagt, dass Madlen das Zimmer braucht. Und Sie würden sowieso bald weg sein. "

Ich nickte. Ich wusste es ja. Es war nur… es war so endgültig. „Es ist in Ordnung, Marta ", sagte ich, meine Stimme war überraschend ruhig. „Ich brauche es nicht mehr. Ich werde sowieso gehen. Für immer. " Ich packte die letzten Dinge, die in meinem ehemaligen Zimmer noch herumlagen. Ein paar alte Bücher, ein Stofftier aus meiner Kindheit. Dinge, die sie übersehen hatten.

Gerade als ich meine Tasche schließen wollte, hörte ich eine Stimme hinter mir. „Was machst du hier? " Felix stand im Türrahmen. Seine Augen funkelten vor Wut.

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Kapitelliste

13 Kapitel insgesamt

  1. Kapitel 1Kapitel 1
  2. Kapitel 2Kapitel 2
  3. Kapitel 3Kapitel 3

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