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Kapitel 1 Der Duft

Yara

Es ist viel zu lange her, seit ich Annika das letzte Mal laufen lassen habe. Bei all den Kursen, die ich belege, und meinem vollgepackten Stundenplan bleibt kaum Zeit zum Essen, geschweige denn dafür, Annika laufen zu lassen. Aber ich muss sie heute rauslassen. Sie wird immer unruhiger.

„Die Uni ist langweilig. Menschen sind langweilig. Ich will endlich etwas Aufregendes machen“, grummelt sie in meinem Kopf.

„Wir gehen laufen, Annika. Beruhige dich.“

„Warte das nächste Mal nicht so lange.“

Sie hat recht. Ich habe sie schon seit ein paar Monaten nicht mehr zum Laufen mitgenommen. Es ist wirklich zu lange her. Aber ich weiß, wie die Rudel miteinander kämpfen, und ich wollte nicht riskieren, mitten in einen Kampf zu geraten oder, schlimmer noch, Simon in die Arme zu laufen.

„Ich bin viel zu schlau für ihn. Außerdem hat er keine Ahnung, dass wir noch so nah am Rudelgebiet sind.“

Mit „so nah“ meint sie zwei Autostunden, aber selbst das ist mir zu nah. Ein Wolf kann beinahe so schnell wie ein Auto laufen, und wenn er auf der Jagd ist, dann bete zur Göttin, dass du ihm nicht in die Quere kommst.

Wenn ich Annika früher zum Laufen mitgenommen habe, sind wir immer in die entgegengesetzte Richtung von Simons Rudel gelaufen. Wobei es genau genommen gar nicht Simons Rudel ist, sondern das seines Vaters. Alpha Solomon ist schon so lange der Alpha meines früheren Rudels, wie ich denken kann. Sein Sohn Simon dagegen ist ein widerlicher Kerl. Er liebt es zu kämpfen und er liebt es zu töten. Wir könnten unterschiedlicher nicht sein. Ich heile lieber und rette lieber Leben.

Aus irgendeinem Grund hat Simon es auf mich abgesehen. Ich verstehe bis heute nicht, warum. Ich bin eine Waise. Ich habe keinen Rang. Meine Eltern waren Krieger. Ich kann durchaus kämpfen, aber ich verlasse mich lieber auf meine größte Stärke, meinen Verstand. Simon dagegen setzt viel lieber seine Stärke ein, seine Alpha-Kraft. Er musste nie dafür arbeiten. Aufgrund seiner genetischen Veranlagung ist er größer und stärker als die meisten Wölfe im Rudel, weshalb er meiner Meinung nach überhaupt nicht zu schätzen weiß, was ihm gegeben wurde. Ich hingegen musste mir alles, was ich in diesem Leben erreicht habe, hart erarbeiten, mit der Unterstützung von Alpha Solomon.

Meine Eltern wurden getötet, als ich noch jung war, als unser Rudel in einen Krieg geriet. Alpha Solomon übernahm meine Vormundschaft und sorgte dafür, dass es mir mein ganzes Leben lang an nichts fehlte. Vielleicht lag es daran, dass er nie eine Tochter hatte und ich ihm ähnlicher war als sein eigener Sohn. Jedenfalls hat er sich immer um mich gekümmert, sogar so weit, dass er mich aus dem Rudel fortschickte, als er bemerkte, dass sein Sohn Interesse an mir entwickelte. Er wusste, dass Simon kein guter Mensch war, und wollte nicht, dass ich unter der Besessenheit seines Sohnes litt.

Als wir unsere bevorzugte Stelle zum Laufen erreichen, bleibe ich stehen und schnuppere in die Luft, um sicherzugehen, dass keine anderen Wölfe in der Nähe sind.

„Annika?“, frage ich und vergewissere mich, dass sie nichts riecht, was mir entgeht.

„Keine anderen Wölfe“, antwortet sie beinahe traurig. Sie vermisst die Gemeinschaft und Geborgenheit eines Rudels.

Ich sehe mich noch einmal um und gehe dann tiefer in den Wald, bevor ich meine Kleidung ausziehe und sie auf einen Ast lege, hoch genug, dass man schon nach oben schauen müsste, um sie zu entdecken. Für alle Fälle habe ich ein Wechseloutfit im Auto, falls jemand meine Sachen stiehlt. Das kommt nicht oft vor, aber es passiert. Anstatt davon auszugehen, dass jemand böswillig handelt, rede ich mir lieber ein, dass die Person die Kleidung dringender braucht als ich. Es ist schließlich nur Kleidung.

Ich überlasse Annika die Kontrolle und spüre, wie meine Knochen brechen und sich neu formen, nachdem ich mich so lange nicht verwandelt habe. Es tut mehr weh, als es sollte, doch schon bald schüttelt Annika ihr rotbraunes Fell aus und stürmt in den Wald.

Auch wenn ich während ihres Laufs eher im Hintergrund bin, spüre ich, wie gut es ihr tut, die Beine zu strecken und bei jedem Schritt ihre Muskeln arbeiten zu fühlen. Heute Nacht ist es zum Glück ruhig. Annikas Pfoten setzen beinahe lautlos auf dem Boden auf, während sie läuft, sodass wir beide die Geräusche des Waldes um uns herum genießen können.

Ich weiß nicht, wie lange sie schon läuft, als wir plötzlich Blut riechen. Annika wird langsamer und hebt die Schnauze in die Luft.

„Hier in der Nähe wurde gekämpft“, sagt sie in unserem gemeinsamen Gedankenraum.

„Hörst du jemanden?“, frage ich alarmiert.

„Ich bin mir nicht sicher. Ich höre ein Rascheln, das klingt, als wäre ein Wolf in Schwierigkeiten geraten. Hörst du es?“, fragt sie und legt den Kopf von einer Seite auf die andere.

Ich höre es ebenfalls. Es klingt tatsächlich nach einem großen Tier, das sich abmüht.

„Annika ...“

„Ich passe auf“, sagt sie und weiß genau, dass ich diesem Tier helfen will, wenn ich kann, selbst wenn es ein Werwolf ist. Vielleicht lässt er mich gar nicht nah genug heran, um ihm zu helfen. Aber ich studiere nicht ohne Grund Medizin. Ich will Ärztin werden, damit ich Wölfen genau in solchen Situationen helfen kann.

Annika nähert sich langsam und vorsichtig dem Geräusch des kämpfenden Tieres. Je näher wir kommen, desto deutlicher höre ich an den leisen Lauten, dass es ein Wolf ist. Nur kann ich nicht erkennen, was er dort macht. Vielleicht ist er in eine Schlinge geraten und versucht herauszufinden, wie er sich befreien kann. Oder er steckt einfach in einer Grube fest, die eines der Rudel gegraben hat, um Mitglieder anderer Rudel gefangen zu nehmen und sie nach Informationen zu befragen.

„Bitte sei sehr vorsichtig, Annika. Wir dürfen uns auf keinen Fall erwischen lassen.“

„Ich passe auf, Yara.“

Als wir näher kommen, beginnt sie, auf dem Bauch zu kriechen und sich langsam weiter vorzuarbeiten. Dann dreht sich der Wind, ihr ganzer Körper erstarrt, und der Duft nach Teakholz steigt mir in die Nase, während mein Körper kribbelt und eine unerwünschte Sehnsucht in mir aufflammt.

„Gefährte“, haucht sie.

„WAS?“

„Das ist unser Gefährte, Yara. Unser Gefährte ist verletzt.“

Das ist furchtbar. Das ist nicht einfach irgendein verletztes Tier. Es ist unser Gefährte. Ich kann ihn hier draußen nicht sterben lassen, aber ich kann auch nicht riskieren, dass er versucht, mich in sein Rudel zurückzubringen. Ich muss studieren und verstecke mich immer noch vor Simon.

Es dauert einen Moment zu lange, bis ich begreife, dass der Wolf, mein Gefährte, aufgehört hat, sich zu bewegen.

Annika hält kaum den Atem an und wartet darauf, was er tun wird.

Er stößt ein leises Schnauben aus und lässt uns damit wissen, dass er weiß, dass wir hier sind. Ich weiß nicht, woher ich es weiß, aber irgendetwas an diesem Laut klingt eher wie eine Bitte um Hilfe als wie eine Drohung.

Annika bahnt sich langsam und vorsichtig ihren Weg durch einige Büsche, bis wir ihn sehen können. SCHEISSE! Er steckt in einer Bärenfalle. Kein Wunder, dass er noch in seiner Wolfsgestalt ist. Wenn er sich verwandelt, wird er sich das Bein abreißen.

„Ich kann nicht glauben, dass er nicht vor Schmerzen heult“, sagt Annika.

Sie hat recht. Sein Bein ist dort, wo es in der Falle steckt, zweifellos zerschmettert.

„Du musst ihm helfen, Yara. Er ist unser Gefährte. Du musst“, fleht Annika mich beinahe an.

„Ich weiß. Ich helfe ihm, wenn er mich lässt.“

So sehr ich den Gedanken hasse, nackt vor diesem unbekannten Mann zu stehen, auch wenn er mein Gefährte ist, habe ich keine andere Wahl, wenn ich mit ihm sprechen und versuchen will, ihm zu helfen.

Ich verwandle mich zurück und stehe kurz darauf vor dem nachtschwarzen Wolf, der mich mit seinen wunderschönen, intelligenten grünen Augen beobachtet.

„Ganz ruhig, Großer. Ich sehe, dass du in einer Falle steckst. Ich möchte dir helfen. Ich weiß, dass du dich nicht verwandeln kannst, sonst würdest du dir das Bein abreißen. Das sieht ziemlich schmerzhaft aus. Deine Knochen sind wahrscheinlich völlig zerschmettert, aber ich möchte dir helfen, wenn du mich lässt“, sage ich leise und halte meine Stimme ruhig.

Langsam nähere ich mich dem Wolf. Gefährte hin oder her, dieser Wolf muss höllische Schmerzen haben und sich völlig ausgeliefert fühlen, weil er nicht fliehen kann. Ich strecke ihm meine Hand entgegen und lasse ihn daran schnuppern, damit er erkennt, dass ich ihm nichts tun will.

„Ich bin angehende Ärztin. Also, ich studiere noch Medizin, um sowohl Menschen als auch Wölfe zu behandeln. Ich will dir nicht wehtun. Lässt du mich nachsehen, ob ich dir helfen kann?“

Der Wolf schnuppert an meiner Hand und stupst mich dann sanft an. Vorsichtig fahre ich mit der Hand durch sein Fell und halte inne, als ich auf verklebtes, steifes Fell stoße, das nach Blut riecht. Ich will gar nicht wissen, was sonst noch in diesem Fell steckt, aber ich kann es mir denken. Wahrscheinlich kleben auch Fleischfetzen und Knochensplitter darin. Offensichtlich hat er gekämpft. Ob er von seinem Rudel getrennt wurde oder zu einer Gruppe gehörte, die sich abgespalten hatte, um dem anderen Rudel den Fluchtweg abzuschneiden, spielt keine Rolle. Jetzt ist er hier draußen allein und niemand ist da, der ihm helfen kann. Niemand außer mir.

Ich sehe nach oben und versuche herauszufinden, wo das Mondlicht durch die Bäume fällt, damit ich die Falle besser untersuchen kann.

„Okay, Großer. Kannst du dich ein Stück nach rechts bewegen? Ich brauche das Mondlicht, damit ich sehen kann, wie ich diese Falle auslösen und dich befreien kann.“

Er bewegt sich nach rechts und behält mich dabei aufmerksam im Blick, während ich die Falle vorsichtig untersuche. „Ganz schön übles Ding“, murmle ich vor mich hin. „Was für Idioten, die sich so etwas gegenseitig antun.“

Ich sehe wieder zu ihm auf. „Okay, ich glaube, ich habe es herausgefunden. Bevor ich die Falle öffne, musst du wissen, dass es höllisch wehtun wird. Aber danach bist du frei und ich kann mir ansehen, wie schlimm dein Bein gebrochen ist“, erkläre ich ihm. Ich weiß bereits, dass es zerschmettert ist. Über der Falle sehe ich Knochensplitter, die aus seiner Haut ragen.

Ich bringe meine Hände in Position. Ich werde Annikas Kraft brauchen, um die Falle zu öffnen. „Versuch bitte, mich nicht zu beißen. Und wenn du kannst, versuch nicht zu heulen. Ich habe keine Ahnung, ob noch jemand in der Nähe ist und dich hören könnte“, sage ich ihm. Er schnaubt erneut und lässt mich wissen, dass er verstanden hat.

„Bei drei. Bereit? Eins ... zwei ... drei!“ Ich sage es und drücke mit aller Kraft auf den Auslöser, während Annika ebenfalls ihre Kraft einsetzt. Ich spüre, wie die Feder nachgibt, und die Falle schnappt auf. Der Wolf stößt ein schmerzerfülltes Jaulen aus, doch es verstummt sofort wieder, als er sich von der Falle entfernt und sein verletztes Bein vom Boden fernhält.

Er dreht sich um und sieht mich einen Moment lang an, bevor seine Knochen zu knacken beginnen und er sich zurück in seine menschliche Gestalt verwandelt. Eine geradezu absurd gutaussehende, hochgewachsene und muskulöse Gestalt.