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Kapitel 3 Die Schwester, Die Er Wirklich Wollte
Christinas Sicht
„Glaubst du nicht, ich sehe aus wie eine Hure? Muss ich das wirklich tragen?“ Ich zupfte nervös an meinem extrem kurzen Rock, der bei jedem Niesen meine Unterwäsche preisgeben würde.
„Süße, das ist nicht vulgär, sondern gewagt sexy“, erwiderte Ysolde kühl. Gekleidet wie eine Mafia-Königin, trotzte sie in ihren fünf Zoll hohen Absätzen mühelos dem eisigen Wind. „Und mach dich nicht selbst billiger, als du bist.“
„Aber ist das nicht ein bisschen zu ...“ Ich kam nicht einmal zum Ende, bevor mir ein brutaler Windstoß ins Gesicht peitschte. Sofort zog ich meinen sündhaft teuren Pelzmantel enger um mich und krümmte mich zusammen wie eine gefrorene Garnele.
Ysolde stöhnte genervt. „Chrissy, komm schon. Wir gehen in den exklusivsten Rudel-Club der Stadt Highrise, nicht auf eine Arktis-Expedition.“
„Ich bin einfach froh, dass ich heute Nacht nicht wegen Unterkühlung in der Notaufnahme lande, danke sehr“, gab ich scharf zurück.
Sie verdrehte die Augen. „Hast du nicht schon einen Pelzmantel? Du weißt schon, den natürlichen?“, sagte sie und stellte offensichtlich infrage, warum eine Werwölfin sich überhaupt über Kälte beschwerte.
Ich biss zurück: „Weil ich gerade in menschlicher Form bin!“
Ich hatte gedacht, wir müssten wie alle anderen Schlange stehen. Das war der einzige Grund für diesen Mantel. Aber offensichtlich hatte ich Ysolde unterschätzt. Sie hatte nicht die Absicht, sich an die Regeln zu halten. Mit der Leichtigkeit jemandes, der das schon tausendmal getan hatte, schob sie dem Türsteher einen zusammengerollten Geldschein in die Hand, wobei ihre Handfläche beiläufig über seine steinharte Brust streifte, wie ein Bond-Mädchen, das nur seinen Martini vergessen hatte.
Zehn Sekunden. Mehr brauchte es nicht. Wir waren drin. Ysolde besaß jene Art von Schönheit, die Männer innerhalb von zwei Sekunden ihre Namen und Freundinnen vergessen ließ.
Wir segelten in Eclipse. Es war der exklusivste Nachtclub in Highrise, wo reiche Werwölfe überteuerte Drinks schlürften und politische Spielchen trieben. Der Raum war erfüllt von Hitze, schwerem Parfüm und dem prickelnden Duft von Champagner.
Kaum waren wir drinnen, riss ich meinen Mantel ab, erntete dafür aber nur einen Blick von Ysolde, der alles sagte: „Versuchst du, mich zu blamieren?“
Mit einem Fingerschnippen reichte sie ihren Mantel einem vorbeigehenden Kellner, als hätte sie ihn persönlich eingestellt. Ich versuchte, ihre Lässigkeit zu kopieren, scheiterte jedoch kläglich und hätte beinahe meine Handtasche fallen gelassen.
„Mondgöttin!“, keuchte ich und starrte auf die Speisekarte, als würde sie meine Kreditkarte ausrauben.
Ysolde warf mir einen Seitenblick zu und schnaubte. „Warte, Niall hat nie Geld für dich ausgegeben? Was für ein Geizhals. Entspann dich. Heute Abend geht alles auf mich.“
Ich atmete erleichtert auf. Angesichts der Tatsache, dass ich von meinem Gefährten abgelehnt worden war, meine Hochzeit geplatzt war und meine Eltern planten, mich als Abtrünnige aus dem Territorium zu verbannen, brauchte ich mein Vermögen dringend für Duftmaskierungsspray, damit Niall niemanden anheuern konnte, um mich zu töten.
Abgesehen von den Preisen war das Publikum elitär: aufstrebende junge Gammas, gutaussehende zukünftige Alphas und eine Schar Finanzbrokers, die aussahen, als hielten sie gleich TED-Talks über die Beherrschung der Wall Street in maßgeschneiderten Anzügen. Ehrlich gesagt war es ein Raum voller Angeber und Möchtegern-Flirts, alle versteckt unter gedämpftem Licht.
Wir fanden einen Tisch nahe der Bar, wo sofort ein Barkeeper seinen Blick auf uns heftete. Nun ja, er war schwer zu übersehen: groß, markante Gesichtszüge, Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, gerade genug, um gut trainierte Unterarme zu zeigen. Er sollte keine Drinks mixen, sondern Dior-Parfümwerbung drehen, Unterwäsche modeln oder zumindest das Cover eines Gestaltwandler-Liebesromans zieren. Vielleicht war das der Grund, warum dieser Club so teuer war: Selbst das Personal musste perfekt sein.
„Zwei Whiskey, 75er Jahrgang“, bestellte Ysolde, bevor ich überhaupt das günstigste Getränk finden konnte. „Mach ihn stark.“
Und natürlich vergaß sie nicht, ihr perfektes Lächeln zu zeigen, das Kinn gerade genug geneigt, um zu sagen: „Hoppla, ich wollte nicht flirten.“
Der Barkeeper griff mühelos nach der Flasche. „Schlechte Nacht?“
„Eher eine Katastrophe auf Ablehnungsniveau“, sagte sie und zeigte beiläufig mit dem Daumen auf mich, „aber es ist bald vorbei.“
Ich warf ihr einen Blick zu. „Begeistert, dass mein Privatleben jetzt öffentlich ausgestrahlt wird.“
Sie tätschelte meine Hand. „Süße, dieser Ort lebt von romantischen Katastrophen. Ohne schlechte Entscheidungen würde niemand Drinks kaufen.“
Dann drehte sie sich weg, verschmolz mit der Menge und schaltete in die Rolle einer Nachtkönigin, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. In weniger als zehn Sekunden machte sie einen visuellen Rundumblick, bevor sie sich wieder zu mir drehte und zum Rand der Tanzfläche zeigte.
„Okay, hör zu. Du brauchst einen Übergangstypen. Ziel Eins: Sechs Fuß zwei großer Manhattan-Finanzmann, dessen Anzug mehr wert als deine Monatsmiete ist und dessen Haarschnitt sagt ‚mein Therapeut kostet mehr als dein Auto'. Er wird dich zum Essen einladen und dir dann für sein Aktienportfolio einen Ghosting verpassen.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein.“
Ihre Augen wandten sich in eine neue Richtung. „Ziel Zwei: gequälter Pariser Künstler, der aussieht, als würde er sich ausschließlich von Zigaretten und existenzieller Angst ernähren. Er wird Gedichte über deine Augen schreiben und dich dann bitten, Geld für Kunstbedarf zu ‚leihen', das irgendwie immer zu Gras und Essen zum Mitnehmen wird.“
„Pass.“
Sie seufzte und zeigte erneut: „Ziel Drei: ein sensibler Musiker mit einer vielversprechenden EP, die nächsten Monat erscheint, Übersetzung: Du wirst ihn finanziell unterstützen, während er sich in den nächsten zehn Jahren durch seine Kunst findet.“
Ich stöhnte in meine Hände. „Ysolde, bitte.“
Sie gab nicht nach. „Chrissy, du kannst hier nicht wie ein dekorativer Wandgecko herumsitzen. Heute Abend geht es darum, dein Leben neu zu starten, nicht darum, emotionale Wunden zu nähen.“
Gerade als sie sich für eine vierte Runde Empfehlungen bereit machte, erstarrte sie plötzlich, als hätte jemand ihr gesamtes System stummgeschaltet. Dann sagte sie viel zu beiläufig: „Hey, wollen wir auf die Toilette?“
Ich verengte die Augen. „Nein?“
„Oder vielleicht wechseln wir die Tische? Die Stimmung hier ist komisch.“ Ihr Lächeln war angespannt.
Komische Stimmung? Wir saßen erst zehn Minuten hier und hatten gerade erst Drinks bestellt. Nach Ysoldes Maßstäben wärmten wir uns kaum auf. Dann folgte ich ihrem Blick.
In einer halbprivaten Nische saß Niall. Er hatte den Arm um eine Frau gelegt und ihr Kopf ruhte auf seiner Schulter, ihr Make-up makellos, ihr Lächeln poliert und mühelos. Aber das war nicht das Schlimmste. Sie küssten sich tief und hungrig. Die Frau saß auf seinem Schoß, ihr Kleid war hochgerutscht, und ihre Hände wanderten über die Körper des jeweils anderen, als wären sie nur Sekunden davon entfernt, sich direkt im Club die Kleider vom Leib zu reißen.
Mein Magen verkrampfte sich. Der Anblick war abstoßend und obszön. Ich brauchte keine weiteren Details darüber, wer sie war, denn dieses Gesicht würde ich niemals vergessen. Vor vier Jahren hatte genau diese Frau mir großzügig ihren Freund als meinen Schicksalsgefährten „geschenkt“, einen herzergreifenden Brief hinterlassen und war ins Ausland verschwunden. Jetzt war sie hier, dreist auf dem Schoß meines Ex-Gefährten drapiert, und verwandelte den ganzen Club in ihre persönliche Bühne für Betrug.
Ich hatte mir eingeredet, dass ich darüber hinweg wäre, dass wir uns getrennt hatten und alles vorbei war, dass es die Zeit war, weiterzumachen.
Bis ich hörte, was als Nächstes kam.
„Ehrlich gesagt dachte ich nicht, dass sie wegen eines Bilderrahmens völlig zusammenbrechen würde“, sagte Beatrice und ihre Stimme tropfte vor falschem Mitleid, als sie sich von dem Kuss löste. „Ich habe das Foto dorthin gelegt, wo sie es sehen würde. Sie weiß immer noch nichts von deinen Geschäftsreisen nach Europa für mich. Zeit, dass sie einen Hinweis bekommt, findest du nicht?“
Sie sah Niall liebevoll an. „Liebling, deine Vorstellung war perfekt. Selbst ich hätte fast geglaubt, dass dir das Foto wichtig war, anstatt unsere Affäre zu vertuschen.“
Niall lachte leise. „Ich musste so tun, als wäre ich verärgert. Sie verbringt jeden Tag damit, perfekt für mich zu sein. Wenn sie wüsste, dass all ihre Mühe immer noch nicht mit dir mithalten kann, würde sie völlig durchdrehen.“
Beatrice kicherte und tätschelte seine Brust. „Keine Sorge. Chrissy versucht wahrscheinlich immer noch, die Dinge in Ordnung zu bringen. Sie glaubt fest daran, dass die Leute ihren Wert erkennen, wenn sie sich nur genug anstrengt. Aber je mehr sie sich anstrengt, desto erbärmlicher sieht sie aus“, lachte sie zufrieden auf, „und ich bin einfach zufällig nach Hause zurückgekehrt. Meine Eltern wissen nichts. Sie hat die Sache selbst beendet, also bist du unschuldig.“
Niall nickte. „Ich habe mit deinen Eltern gesprochen. Die Hochzeit findet immer noch statt, nur mit einer anderen Braut.“
Beatrice strahlte triumphierend. „Perfektes Ende, oder? Ich habe dich nie aufgegeben, sondern nur darauf gewartet, dass sie zur Seite tritt.“ Sie lehnte sich näher. „Du weißt, wie sie versucht hat, alles an mir zu kopieren? Die blondierten Haare, die Stiländerungen und sogar die Art, wie sie spricht? Gott, es war urkomisch, ihre erbärmlichen Versuche zu beobachten.“
Niall schnaubte: „Wie ein billiger Nachbau.“
„Obwohl ich dachte, Schicksalsgefährten sollten tief ineinander verliebt sein?“, fragte Beatrice mit gespielter Neugier, „seid ihr beiden nicht eigentlich …?“
Nialls Gesicht verdunkelte sich.
Meine Hände zitterten so stark, dass ich mein Getränk kaum halten konnte. Die Teile fielen an ihren Platz, und Akira winselte in mir. „Er hat schon lange vor der Ablehnung betrogen“, flüsterte sie schwach, „deshalb leiden wir so sehr.“
Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag in den Magen. Wenn nach der Markierung Untreue stattfindet, verursacht Intimität mit jemand anderem außerhalb der Gefährtenschaft beim Partner extreme Schmerzen. Aber die Distanz kann den unmittelbaren Schmerz des Verrats zwar lindern, doch in der Gefährtenbindung schwelt er weiter.
Auf all diesen Geschäftsreisen ins Ausland hatte er Beatrice jedes Mal besucht. Die Gefährtenband war langsam zerfallen und hatte Schäden angesammelt, die wir wegen der Distanz nicht spüren konnten. Am Ende, als Niall mich ablehnte, verband sich dieser Schmerz mit monatelang angesammeltem Verratstrauma. Es zerstörte uns beide. Kein Wunder, dass ich mich fühlte, als würde ich sterben. Ich kämpfte nicht nur gegen die Ablehnung, sondern gegen Monate verborgenen Verrats, der endlich ans Licht kam.
Beatrice bemerkte Nialls dunklen Ausdruck und ruderte schnell zurück. „Ich necke dich doch nur, du Dummkopf. Ich weiß, dass ich die Einzige in deinem Herzen bin.“
Die Worte stachen wie Demütigung, verkleidet als Scherz. Es war die Art von Drama, die man im Theater erwarten würde, nicht von der eigenen Schwester und dem eigenen Gefährten. Komisch, nicht wahr? Wie können die Menschen, die dich am besten kennen, am tiefsten schneiden.
Akira regte sich in mir, ihr Knurren tief und hungrig nach Rache. Ysolde flehte mich an, ruhig zu bleiben und nichts Dummes zu tun. Aber ihre Stimme war nichts als Hintergrundgeräusch. Ich war nicht mehr die gleiche Chrissy, die ihren Stolz für Lob schluckte.
Ich löste mich aus Ysoldes Griff und wandte mich an den Barkeeper. „Dein bester Champagner. Setz ihn auf Niall Grangers Rechnung.“
Der Barkeeper reichte mir die Flasche.
Mit der Flasche in der Hand schritt ich direkt auf Niall und Beatrice zu, wobei ihre Umarmung so verstrickt und theatralisch wirkte wie eine Szene aus einem Mittagsdrama. Ich hob dann die Flasche und zerschmetterte sie mit all meiner Kraft. Das Glas zersplitterte mit einem scharfen Knall. Nialls Stirn spaltete sich sofort, und eine dünne Blutlinie zog sich zwischen seinen Brauen hinab.
Kapitelliste
134 Kapitel insgesamt
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